Montag | 14. Mai 2018 | 20:00 Uhr
Lied 1 - Camille Saint-Saëns
Graham Johnson
Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2001
Soraya Mafi (Sopran)
François Le Roux (Bariton)

Camille Saint-Saëns, der Schöpfer des berühmten „Karneval der Tiere“, des „Danse Macabre“ und der Oper „Samson et Dalila“, hat in seinem langen Leben (er wurde 86 Jahre alt) eine erstaunlich große Anzahl Lieder komponiert: Mehr als 150 sind erhalten. Die Texte dazu stammen aus unterschiedlichsten Quellen, er vertonte alte und neue Gedichte und hatte großes Interesse an den französischen Dichtern seiner Zeit, insbesondere an Victor Hugo. Saint-Saëns verwendete größte Sorgfalt bei der musikalischen Behandlung der französischen Sprache, die sich in gesungener Form stark vom gesprochenen Französisch unterscheidet, weil viele Silben klingen, die beim Sprechen tonlos bleiben. Camille Saint-Saëns’ musikalische Karriere begann früh und glanzvoll, dem Knaben eilte der Ruf voraus, ein Wunderkind zu sein. Als Fünfjähriger komponierte er seine ersten Werke, mit elf gab er sein erstes öffentliches Konzert, und seine Zeitgenossen nannten ihn „den neuen Mozart“. Doch wie Mozart musste Saint-Saëns später als Erwachsener um Anerkennung kämpfen. Lange Zeit empfanden seine Zeitgenossen seine Kompositionen als extravagant und akademisch, was im Paris der Zeit Napoleons III. einem Schimpfwort gleichkam. Nur eine kurze Zeit lang, Ende des 19. Jahrhunderts, galt sein Werk als innovativ, doch bereits ab den 1890er-Jahren lief ihm Claude Debussy den Rang ab, und die Komponistengeneration um Francis Poulenc sah in ihm einen Reaktionär. Bis heute ist Saint-Saëns’ umfangreiches und vielschichtiges Werk – von einigen wenigen Evergreens abgesehen – weitgehend unbekannt. Eine intensivere Auseinandersetzung offenbart, dass Saint-Saëns eine der interessantesten Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit war.

Sein erstes Lied komponierte Camille im Alter von nur fünf Jahren, es trug den Titel „Le Soir“ und hatte bereits eine erstaunlich wirkungsvolle Begleitung. Das letzte Lied komponierte er im Mai 1921, sieben Monate vor seinem Tod. 16 Jahre jung war Saint-Saëns, als er das Lied Rêverie (Träumerei) nach einem Text von Victor Hugo komponierte. Vielleicht hat der Teenager Camille bereits Lieder von Schumann gekannt. Eine feine melodische Linie entfaltet sich über dem Hintergrund sanft pulsierender Achtel. Im gleichen Jahr, 1851, entstand auch Guitare (Gitarre), aus dem wiederum die enorme Begabung des jungen Komponisten spricht. Das Accelerando für den Pianisten in den Eröffnungstakten vermittelt den Eindruck einer Improvisation. Weit ausgreifend ist die Gesangslinie und überwindet in einer einzigen dramatischen Geste eine Dezime. Saint-Saëns widmete das Lied der französischen Komponistin irischer Abstammung Anne Holmès, die er als Teenager bewunderte. Das Lied Attente (Erwartung) aus dem Jahr 1855 vermittelt den Eindruck eines perfekt geplanten Scherzo-Satzes. Victor Hugo schlägt in seinem Gedicht einen großen Bogen von dem Eichhörnchen, das die Lärche hinaufklettert, bis zu dem sehnsüchtig erwarteten Geliebten, nach dem es Ausschau halten soll. Saint-Saëns macht daraus ein rastloses moto perpetuo. Im Jahr 1868 vertonten sowohl Saint-Saëns als auch Georges Bizet Hugos Gedicht La Coccinelle (Der Marienkäfer). Berühmter wurde das charmante Liedchen von Bizet. Saint-Saëns erzählt die Geschichte auf einfache, amüsante und mitleidlose Weise, mit einer Ökonomie der Mittel und großer Klarheit in der Begleitung. Man könnte meinen, dass Saint-Saëns mit der Vertonung von Hugos Gedicht Si vous n’avez rien à me dire (Wenn Du mir nichts mehr zu sagen hast) die Salonmusik der Jahrhundertwende vorwegnahm. Die Begleitung besteht aus einem hypnotischen kleinen Ostinato, sie weist keine besondere Charakteristik auf, prägt sich aber nach und nach dem Gedächtnis ein. Der französische Dichter und Orientalist Henri Cazalis war fünf Jahre jünger als Saint-Saëns und ließ sich durch den Buddhismus inspirieren. Saint-Saëns’ Vertonung seines Gedichts Danse macabre (Totentanz) aus dem Jahr 1873 ist nicht sehr bekannt, aber die Melodie klingt trotzdem vertraut, bildete sie doch die Basis für Saint-Saëns’ Sinfonische Dichtung op. 40 mit demselben Titel. Ein Zitat dieser Melodie erklingt auch bei den Fossilien im „Karneval der Tiere“. Bei dem Lied, das allen anderen Fassungen zeitlich vorausging, hebt die Klavierbegleitung mit dem scharfen „Teufelsintervall“ des Tritonus an. Für den Zuhörer ist das Lied ein großer Spaß, die Ausführenden stellt es vor Herausforderungen – den Sänger bei der Diktion wegen der großen Geschwindigkeit des französischen Textes und den Pianisten bei den Oktavpassagen, die für den virtuosen Pianisten Saint-Saëns sicher kein Problem darstellten. Die Fabel von Jean de La Fontaine La Cigale et la Fourmi (Die Grille und die Ameise) datiert aus dem Jahr 1667. Wann Saint-Saëns sie vertont hat, weiß man nicht genau. Seine Musik passt trefflich zu der pointierten und scharfen, ironischen Sprache von La Fontaine. Es gibt viele gelungene Details: zum Beispiel das trippelnde Motiv der arbeitsamen Ameise, die pathetische kleine Appoggiatura auf dem Wort „famine“ (Hungersnot) und die kleine, selbstgefällige Cantilena für die Grille. Das Lied Le vent dans la plaine nach einem Text von Paul Verlaine ist ein treffliches Beispiel für den „modernen“ Saint-Saëns. Es datiert aus dem Jahr 1912, als der Komponist auf der Höhe seiner Kunst war und vielleicht, ob bewusst oder unbewusst, unter dem Einfluss seines Schülers Gabriel Fauré stand. Paul Verlaine war der bevorzugte Dichter von Debussy und Fauré, beide Komponisten haben den Text von Paul Verlaine ebenfalls vertont, allerdings unter dem Titel „C’est l‘extase langoureuse“ (die Vertonung von Claude Debussy ist zu hören beim Liederabend auf Schloss Herten am Dienstag, 15. Mai 2018). Bei Saint-Saëns durchlaufen die ununterbrochenen Sechzehntel der Klavierbegleitung eine Reihe von harmonisch komplexen Prozessen. Saint-Saëns schuf hier eine neue Art von Lied, ohne eine Spur von Stilisierung oder Parodie, und wandte sich an ein anspruchsvolles Publikum. Das fröhliche Lied „Grasselette et maigrelette“ steht für Saint-Saëns’ Bemühen, seine alten Gewohnheiten mit der modernen Welt zu versöhnen, es zeugt von der sicheren Hand des Meisters. Für jeden Sänger, dessen Muttersprache nicht Französisch ist, dürfe dieses bezaubernde „Plapper-Lied“ eine enorme Herausforderung sein. Es werden darin die Tugenden zweier sehr unterschiedlicher Frauen apostrophiert. Der Text stammt von Pierre de Ronsard, dem bedeutendsten französischen Lyriker in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Dorle Ellmers

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