Samstag | 05. Mai 2018 | 20:00 Uhr
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Variations chromatiques
Gerhard Oppitz

„Meine Herren, viele von Ihnen mögen durch diese Schallplatte vielleicht zum ersten Mal Bekanntschaft mit den Klavierwerken Bizets machen; bei mir war dies so, und ich teile mit Ihnen die Freude über die Entdeckung.“ Mit diesen extra als „vertraulich“ gekennzeichneten Zeilen hatte sich 1973 der kanadische Jahrhundertpianist Glenn Gould an all jene Musikkritiker gewandt, die nun seine aktuellste Scheibe in den Händen hielten. Wieder war Gould seinem Ruf als musikalischer Trüffelsucher gerecht geworden. So hatte er kaum beachtetes Klavierrepertoire miteinander kombiniert – mit der Klaviersonate von Edvard Grieg sowie den Variations chromatiques von Georges Bizet. Warum gerade diese Klavierkomposition bis dahin völlig unbeachtet geblieben war, konnte sich Gould einfach nicht erklären. Dabei hatte schon Bizet nicht mit seiner Einschätzung übertrieben, dass er das Thema durchaus kühn behandelt habe. In 14 Variationen kommt das thematisch zugrunde liegende Chaconne-Motiv von lyrisch bis aufgewühlt, von bittersüß bis leichtfüßig polkahaft daher. Und spätestens mit der anfänglich rauschenden, sich dann ins Hymnische steigernden und schließlich dramatisch ins Melancholische stürzenden Coda gibt sich Bizet als großer Verehrer Beethovens zu erkennen.

Wie rasch nicht nur Kompositionen in Vergessenheit geraten können, sondern auch berühmte Komponisten, lässt sich am Beispiel Gabriel Faurés ablesen. Als sich 1964 sein Todestag zum 40. Mal jährte, widmete das „Journal Musical Français“ ihm eine ganze Ausgabe. Für den Titel hatte man einen überraschenden Satz gewählt: „Fauré, qui est-ce?“ – „Fauré, wer ist das?“. Diese Frage war gerade in Faurés französischer Heimat durchaus berechtigt. Denn sein einst strahlender Stern war stetig verblasst, da man ihn als Vertreter eines musikalisch konservativen Zeitalters ansah. Trotzdem war er Vorbild und Lehrer einer ganzen Generation, darunter Maurice Ravel, Charles Koechlin und Nadia Boulanger. Heute wird Fauré vor allem als Komponist von charmanten Liedern bewundert. Dabei hat er ein beachtliches Klavierschaffen hinterlassen. Und mit Thème et variations in cis-Moll op. 73 (1895) präsentierte sich Fauré nicht etwa als der „anmutige Komponist“, als den ihn Debussy empfand. Der Zyklus mit seinen elf Variationen über ein feierliches Thema erweist sich vielmehr als ein kontrastreiches Stimmungsgeflecht, mit seinen nachdenklichen und bedrückenden, schwärmerisch schumannesken und ganz zum Schluss choralartig-entrückten Zügen.

Weniger an Robert Schumann als vielmehr an den großen Rhapsodiker Johannes Brahms muss man sodann bisweilen bei dem Triptychon Prélude, choral et fugue FWV 21 denken, mit dem César Franck 1884 sein bedeutendstes Klavierwerk geschaffen hat. Doch vor allem wurde für Franck, der eigentlich an der Orgel zu Hause war, Johann Sebastian Bach zum Leitstern. So wollte der in Lüttich geborene Wahl-Franzose dem Thomaskantor nun auch auf dem Klavier mit einem „Präludium & Fuge“-Paar seine Reverenz erweisen. Glücklicherweise entschied sich Franck dann, noch einen Choral als packendes klangliches Seelendrama einzuschieben, bei dem das Erhabene und Tröstende auf die romantische Virtuosenpranke trifft.

Auf drei Komponisten, die im 19. Jahrhundert die französische Musik auf unterschiedliche Weise geprägt haben, folgen mit Claude Debussy und Maurice Ravel zwei Musiker, ohne die die Moderne völlig anders verlaufen wäre. Beide schätzten sich und begegneten sich in Konzerten. Und Ravel richtete so manches Orchesterwerk des Kollegen für Klavier ein. Erstaunliche Parallelen gibt es in ihren impressionistischen Natur- und Stimmungsbildern für Klavier. Images (Bilder) heißt Debussys zwischen 1904 und 1907 komponierter, zweiteiliger Zyklus mit jeweils drei Stücken. Und gleich das erste Stück „Reflets dans l‘eau“ ist von der reinen Imitation des Gemisches von Licht und Wasser genauso weit entfernt wie etwa Maurice Ravel bereits 1901 geschriebenes Pendant „Jeux d‘eau“. Im zweiten Heft der Images folgt auf das mit ostasiatischen Nuancen dekorierte Glockengeläut in „Cloches à travers les feuilles“ mit „Et la lune descend sur le temple qui fut“ ein ebenfalls fernöstlich aromatisiertes Nocturne – bevor Debussy im finalen springlebendigen Teich voller Goldfische („Poissons d‘or“) geradezu orchestrale Klangdimensionen beschwört.

Diese sich gegenseitig befruchtende Verwandtschaft zwischen Klavier und sinfonischem Apparat findet sich auch bei Ravel mehr als ausgeprägt. So orchestrierte er 1910 sein kaum weniger populäres Klavierstück Pavane por une infante defunte von 1899. Diese „Pavane für eine verstorbene Prinzessin“ ist jedoch kein Totengesang im traditionellen Sinne. Vielmehr ist es „die Vorstellung einer Pavane, wie sie von solch einer kleinen Prinzessin, wie Velázquez sie am spanischen Hof gemalt hatte, wohl hätte getanzt werden können“, so Ravel. Der feierliche und langsame Hoftanz aus alten Zeiten ist mit gravitätischem Raffinement inszeniert und mit jenen zarten Farben verziert, die Ravel sich durchaus von seinem Lehrer Fauré abgelauscht haben mag. Und wenn später der Spanier Manuel de Falla Ravels Musik überhaupt einen „subtil authentischen Hispanismus“ attestieren sollte, dann trifft dies ganz besonders auf Alborada del Gracioso zu. 1904/05 als vierter Satz des fünfteiligen Klavierzyklus „Miroirs“ komponiert, ist in diesem „Morgenständchen des Spaßmachers“ das spanische Flair allein dank der gitarrenähnlichen Glissandi mit den Händen zu greifen.

Guido Fischer

 

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