Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Dienstag | 12. Juni 2018 | 20:00 Uhr
L'apprenti sorcier
Lucas & Arthur Jussen

Das vierhändige Klavierspiel entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur beliebtesten Form häuslichen Musizierens. Auch Felix Mendelssohn Bartholdy, der schon in jungen Jahren ausgezeichnet Klavier spielte, frönte ausgiebig dieser gutbürgerlichen Mode. Im Gegensatz etwa zu Mozart oder Schubert hat er aber nur wenige Originalwerke für vier Hände geschrieben. Zwar stehen zwei Konzerte für zwei Klaviere und Orchester in seinem Werkverzeichnis. Ansonsten fällt die Bilanz jedoch bis auf einige unterhaltsame Gelegenheitswerke, zu denen das Andante e Allegro brillant op. 92 zählt, mager aus. Das zweisätzige Werk in A-Dur für Klavier zu vier Händen ist trotz seiner hohen Opuszahl bereits im Jahr 1841 entstanden. Geschrieben hatte es der Gewandhaus-Kapellmeister Mendelssohn für sich und die gute Freundin Clara Schumann, die im März 1841 in Leipzig ein Benefizkonzert für die Pensionskasse des Gewandhausorchesters gab. Als das Stück 1851 aber endlich gedruckt werden sollte, veröffentlichte der Verlag lediglich das scherzohafte Allegro brillant. Bis 1994 sollte die Wiederentdeckung des an ein Mendelssohnsches „Lied ohne Worte“ erinnernden Andante tatsächlich dauern.

In der Geschichte des vierhändigen Klavierspiels trifft man immer wieder auch auf Originalkompositionen, die nahezu orchestrale Züge besitzen. So ein Werk, das sich ständig den Weg vom sehnsuchtsvoll Intimen ins Wuchtige und Strahlende sucht, ist Franz Schuberts Allegro in a-Moll D 947, dessen populärer Titel Lebensstürme vom Verleger Anton Diabelli stammt. 1840 hatte er dieses über 600-taktige Stück veröffentlicht – zwölf Jahre nach seiner Entstehung in Schuberts Todesjahr 1828.

Fulminant geht es sodann in einem Tanzspuk zu, den Maurice Ravel Ende 1919 in der winterlichen Einsamkeit in den Cevennen komponierte. Über La Valse sagte der Komponist einmal: „Ich habe dieses Werk als eine Art Apotheose des Wiener Walzers aufgefasst, mit der sich die Vorstellung eines phantastischen und unentrinnbaren Wirbels verbindet.“ Bis Februar 1920 hatte der Komponist eine Fassung für Klavier solo fertiggestellt. Anschließend setzte er sich an eine Version für zwei Klaviere und schließlich auch an die Orchestrierung dieses „Poème choréographique“. Und wenngleich es seitdem zu den Bravourstücken eines jeden Orchesters gehört, besitzt es auch in der Fassung für zwei Klaviere eine hypnotisierende Wirkung.

Mit Gabriel Fauré erklingt sodann ein Komponist, der zumindest außerhalb Frankreichs immer noch als eine Art One-Hit-Wonder gilt. Dabei hat Fauré nicht nur mit der „Pavane“ einen der schönsten Ohrwürmer der Musikgeschichte geschrieben. Der Lehrer Ravels hat in seinen Liedern und Kammermusikwerken mit Esprit und Charme den Geist des französischen Salonmusiklebens eingefangen und konserviert. Zu Faurés herrlichsten Eingebungen auch für Klavier gehört ohne Zweifel die sogenannte Dolly-Suite op. 56. Diese 1898 in Paris uraufgeführte Suite entstand für Hélène Bardac („Dolly“). Sie war die Tochter der Sängerin Emma Bardac, mit der Fauré kurz zuvor eine Liaison eingegangen war (Madame Bardac heiratete später Claude Debussy, der Fauré einmal als „Meister des Anmutigen“ bezeichnete hatte). Die sechs Sätze, von denen heute vier erklingen, sind ein Ausbund an rührender Anmut und verspieltem Elan. Im letzten Satz „Pas Espagnole“ lässt Fauré die Suite mit spanischen Klangfarben und Rhythmen ausklingen und bildet damit quasi die Steilvorlage für zwei der effektvollsten Orchesterwerke von Maurice Ravel, die tatsächlich ihre Wurzeln in Fassungen für Klavier zu vier Händen haben. Von allen französischen Komponisten jener Jahre besaß Ravel den unmittelbarsten Zugang zur Musik Spaniens. Schließlich stammte er nicht nur aus dem Pyrenäen-Städtchen Ciboure. Die Liebe zur spanischen Musik hatte ihm seine baskische Mutter mitgegeben. „Sie wiegte mich in den Schlaf, indem sie mir spanische Tänze sang“, erinnerte sich Ravel später einmal an seine musikalische Sozialisation. Die Rapsodie espagnole, die 1907 in der Originalfassung für zwei Klaviere entstand und 1908 orchestriert wurde, ist ein viersätziges Stimmungsgemälde, das das magisch Sinnliche der spanischen Musik widerspiegelt. Das „Prélude à la nuit“, das sich über vier abfallende Noten aufbaut, ist so geheimnisvoll wie erotisch. Die „Malagueña“ wie die „Habanera“ präsentieren sich als effektvoll mit percussiven Rhythmen und melancholischen Farben gespickte Traditionstänze. Und der finale maurische Tanz „Feria“ entpuppt sich als ein wildes, rauschendes Fest.

Wie Fauré mit seiner „Pavane“ ist auch Paul Dukas mit seinem Orchesterfurioso L'apprenti sorcier (Der Zauberlehrling) ein wahrer Klassik-Evergreen geglückt. 1897 wurde diese Fantasie über die gleichnamige Goethe-Ballade in Paris uraufgeführt und kam 1940 zu ganz besonderen Ehren: in Walt Disneys Musikfilmklassiker „Fantasia“ versuchte kein Geringerer als Mickey Mouse zu Dukas´ Orchestercoup einen außer Rand und Band geratenen Besen zu bändigen. Die rhythmische Kraft, die den „Zauberlehrling“ auch in der Fassung für vier Klavierhände am Schopfe packt, findet schließlich ungefiltert ihre Fortsetzung im Finalstück des heutigen Abends. Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say hat Night 2016 für das Klavierduo Lucas & Arthur Jussen komponiert. Und fast könnte man angesichts dieser dauerpulsierenden und archaisch anmutenden Musik vermuten, dass er mit diesem Werk Igor Strawinsky und seinem Jahrhundertwurf „Le sacre du printemps“ eine Reverenz erweisen wollte.

Guido Fischer

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