Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Samstag | 09. Juni 2018 | 20:00 Uhr
Tombeau de Couperin
Inga Fiolia

Da Michael Glinka als erster russischer Komponist große Anerkennung im eigenen Land erfuhr, wird er oft als Vater der klassischen Musik Russlands bezeichnet. Tatsächlich gelang es ihm insbesondere in seinen Opern, einen charakteristischen, nationalen Stil zu entwickeln. Nachhaltig geprägt haben ihn aber auch europäische Einflüsse, die er durch seine Kompositionsstudien in Berlin, ausgiebige Aufenthalte in Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland sowie durch freundschaftliche Kontakte zu den Komponisten Donizetti, Bellini, Mendelssohn-Bartholdy, Liszt und Berlioz erhielt. Unter Glinkas knapp 50 Klavierwerken nehmen Variationen und diverse Tanzformen eine herausragende Stellung ein. Die Titel Cinq nouvelles quadrilles françaises (Fünf neue französische Quadrillen) und Nouvelle contredanse (Neuer Kontertanz) weisen deutlich auf eine Inspiration durch den französischen Musikgeschmack hin. Taktfeste Rhythmen, lebhafte Melodien und eine tänzerische Leichtigkeit charakterisieren die kleinen Sätze. Bei den Quadrillen übernahm Glinka die typischen Bezeichnungen für die Tanzfiguren wortgetreu, verzichtete allerdings auf La Pastourelle (Die Hirtin). Von den üblichen sechs Sätzen blieben somit nur fünf übrig, die die Namen Le Pantalon (Die Hose), L’Été (Der Sommer), La Poule (Das Huhn), La Trénis (Der Tanzmeister Trenitz) und Finale tragen.

Die beiden Variationszyklen über russische Lieder sind hingegen eine klare Hommage an die heimatliche Musiktradition. Die aus der Feder von Alexander Aljabjew stammende Vertonung des Gedichts Die Nachtigall war in Russland äußerst populär. Auf den ersten Blick handelt es sich um den klagenden Gesang eines unglücklich Verliebten, der Text ist aber auch mit der Sehnsucht nach Aufrichtigkeit und Freiheit im unterdrückten Zarenreich in Verbindung gebracht worden. Glinka schrieb seine vier Variationen dazu 1833 in Berlin, während er bei Siegfried Dehn Komposition studierte. In dem brillanten Klaviersatz wendet er gezielt verschiedene Techniken an und bereichert das melancholische Thema zunehmend mit virtuosen Elementen. Die Variationen in a-Moll über das russische Volkslied "Sredi doloni rovnija" entstanden bereits 1826 und gehören zu den Frühwerken, die Glinka noch vor seiner ersten Auslandsreise komponierte. Auch hier wird ein zartes, ruhig fließendes Thema mit figurativen Ausschmückungen umspielt.

Obwohl Franz Schubert nicht der erste war, der kurze Charakterstücke als Impromptus bezeichnete, waren es doch seine beiden 1827 entstandenen Sammlungen op. 90 und op. 142, die neue Maßstäbe setzten und bis heute als Höhepunkt der frühromantischen Klaviermusik gelten. Schlichte dreiteilige Liedformen und lyrische Melodien sind für diese meisterhaft gearbeiteten Miniaturen ebenso charakteristisch wie die Beschränkung auf wenige musikalische Gedanken und der spielerische Umgang mit dem thematischen Material. Leider erfüllte sich Schuberts lang gehegte Hoffnung auf Ruhm und finanziellen Erfolg auch durch die Impromptus op. 90 D 899 nicht. Der Wiener Verleger Tobias Haslinger war lediglich bereit, zwei der insgesamt vier Stücke zu veröffentlichen, und somit wurde die große Bedeutung des gesamten Zyklus erst lange nach Schuberts Tod erkannt. Das dritte Impromptu ist als romantische Träumerei konzipiert, deren ruhige Melodie sich über einem zarten Klangteppich entfaltet und nach einigen dramatischen Belebungen leise verhallt.

Das kurze, charmante Kinderstück Le petit nègre (Der kleine Neger) gehört zu den wenigen Werken Claude Debussys, die vom frühen Jazz inspiriert sind. Es entstammt seinem Nachlass und erschien posthum 1934. Der Titel entsprach dem damaligen Sprachgebrauch und war keineswegs abwertend gemeint. Die fröhliche Miniatur ist als Cakewalk konzipiert, einer Vorform des Ragtime mit synkopischen Rhythmen im 2-er Takt. Die mitreißende, tänzerische Grundstimmung wird durch zwei kantable Episoden wirkungsvoll kontrastiert. Die um 1888 entstandenen Deux Arabesques gelten als die ersten ernstzunehmenden Klavierwerke von Debussy und als wichtige Beispiele für seinen Frühstil. Dem Titel gemäß spielen reiche Verzierungen in den beiden Stücken eine zentrale Rolle, und zwar nicht als reines Beiwerk oder bloße Ausschmückung, sondern als kraftvolles, formbildendes Element. Die Melodik verläuft in geschwungenen, weichen Linien und in eleganter, fließender Klarheit. Die in dreiteiliger ABA-Form angelegte Arabesque Nr. 1 in E-Dur besticht durch eine sanfte, pastorale Grundstimmung. Starke Wirkungen werden durch gegenläufige Außenstimmen, dazu kontrastierende stereotype Mittelstimmen und rhythmische Mehrschichtigkeit erzeugt. In einem kapriziösen, beinahe etüdenhaften Stil schließt sich die Arabesque Nr. 2 in G-Dur an, deren vogelrufähnliches Viertonmotiv das gesamte musikalische Geschehen dominiert.

Für sein letztes Klavierwerk verwendet Maurice Ravel 1917 die Bezeichnung Tombeau (Grabmal), die schon in der französischen Barockmusik für Trauerstücke genutzt wurde. Die Suite entstand mitten im Ersten Weltkrieg, als der Komponist nicht nur den Tod seiner innig geliebten Mutter verkraften musste, sondern auch den Verlust vieler gefallener Freunde. Le Tombeau de Couperin ist keine starre Hommage an den großartigen Barockkomponisten François Couperin, sondern eine kunstvolle Durchdringung von Archaismus und Moderne. Die Grundstimmung des Zyklus ist eher von lichter Kühle beherrscht als von Trauer. Mit seinen reichen Verzierungen greift das Prélude den charakteristischen Cembalostil Couperins auf. In der Fugue zeigt Ravel, wie souverän er die strengen Regeln des klassischen Kontrapunkts beherrscht. Die Forlane ist eine sehr alte, mit der lebhaften Gigue verwandte Tanzform. Bizarre und sprunghafte Intervalle, hüpfende Rhythmen, kapriziöse Dissonanzen und melancholische Anklänge erzeugen ein einzigartiges Klangbild. Im Rigaudon werden die beiden schwungvollen, robusten Abschnitte des äußeren Rahmens durch einen getragenen, pastoralen Mittelteil kontrastiert. Mit seiner lieblichen und sanften Stimmung entwickelt sich das Menuet zum lyrischen Ruhepunkt der gesamten Suite. Als Perpetuum mobile und technisch anspruchsvolles Glanzstück führt die Toccata den Zyklus zu einem brillanten Abschluss.

Andrea Susanne Opielka

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