Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Dienstag | 29. Mai 2018 | 20:00 Uhr
Essen | Museum Folkwang | Karl Ernst Osthaus-Saal
Preis: € 45 | 35 | 25
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Cantéyodjayâ
Tamara Stefanovich
Stipendiatin des Klavier-Festivals Ruhr 2003

Der Franzose Olivier Messiaen war eine Vaterfigur für die Nachkriegsavantgarde um Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Messiaen war zugleich ein legendärer Pädagoge und Organist, ein begeisterter Ornithologe und tiefgläubiger Katholik. Diese Mischung aus kompositorischem Fortschritt, Spiritualität und Naturverbundenheit war bei ihm nie zu trennen, sondern reifte in seinem langen Leben zu Werken, die heute Klassiker der Moderne sind. Diesem Doyen der Neuen Musik begegnet man nun in handverlesenen Klavierstücken, die sich so zu einem kleinen Messiaen-Porträt formen. Und natürlich trifft man dabei auch auf den Vogelkundler, u.a. mit dem Stück Le courlis cendré aus dem 1959 von Messiaens Gattin Yvonne Loriod uraufgeführten „Catalogue d‘oiseaux“, in dem er 13 verschiedene Vogelgesänge aus den Regionen Frankreichs zusammengetragen hat. Dazu gehörte auch Le courlis cendré, der Große Brachvogel, der an den Küsten der Bretagne anzutreffen ist.

Vogelgesänge als Sinnbild für die Schönheit und Herrlichkeit der Schöpfung blitzen ebenfalls immer wieder in dem Klavierzyklus „Vingt regards sur l'Enfant-Jésus“ auf, den Yvonne Loriod 1945 in Paris aus der Taufe hob. Und auch diese „Zwanzig Blicke auf das Jesuskind“ sind aufgeladen von dem harmonischen und rhythmischen Reichtum, der typisch für Messiaens musikalische Glaubensbekenntnisse ist. Zwei Stücke sind daraus zu hören. La parole toute puissante (Das allmächtige Wort) erinnert in seiner elementaren Wucht auch an Modest Mussorgsky. Regard des Anges (Betrachtung der Engel) ist eine furiose Klangszene, in der sich „ein machtvoller Stoß aus riesigen Posaunen“ mit dem „Staunen der Engel“ und dem „Gesang der Vögel“ vereint.

Stecken nahezu alle Klavierwerke von Messiaen spieltechnisch voller Klippen und Gefahren, so gilt das natürlich auch für das 1949 in Tanglewood / Massachusetts komponierte Klavierstück Cantéyodjayâ (Ordnung des Gesangs). Messiaen reizt die Klaviatur bis in die Extreme aus. Riesige Läufe vom Bass bis in die obersten Register kommen genauso vor wie schwergewichtige Cluster und dynamisch heftige Pendelschläge. Hinzu kommen zahllose indische Rhythmen, mit denen sich Messiaen immer wieder intensiv beschäftigte.

 

Messiaens Stück „Mode de valeurs et d´intensités“ aus der Sammlung „Quatre Études de rythme“ wurde zum Heiligen Gral der Nachkriegsavantgarde. Sein Klangmaterial war in allen Eigenschaften (Tondauer, Tonhöhen, Anschlagarten und Intensitäten) komplett durchkonstruiert. Für die jungen Komponisten, die auf der Suche nach einer neuen, von jeglichem historischem Ballast befreiten Klangsprache waren, kam Messiaens streng geordnete Klangwelt einer Offenbarung gleich: die serielle Musik war geboren. Auch der vor 90 Jahren geborene Karlheinz Stockhausen zeigte sich von dem Stück überwältigt, als er es 1951 erstmals auf Schallplatte hörte. Für ihn sei damit „eine Welt aufgegangen“, erinnerte er sich 1984. Und sofort wusste er, dass er bei Messiaen in Paris studieren müsste. 1952 ging der Rheinländer an die Seine und belegte Kurse für Ästhetik und Analyse. „Vieles kannte ich schon vom Studium in Köln“, so Stockhausen. „Aber ich kannte das meiste, ohne dass es mich etwas anging; es war tot. Messiaen weckte Totes auf.“ Kaum war Stockhausen wieder zurück in Köln, legte er im legendären Studio für Elektronische Musik des WDR erste Grundsteine für seine epochalen Werke wie den „Gesang der Jünglinge“. Zugleich begann Stockhausen ab 1952 mit der Komposition von Klavierstücken. Insgesamt 19 davon sind bis 2003 entstanden. Und während die ersten vier Stücke (1952) mathematisch-logischen Ordnungsprinzipien gehorchen, weht durch die Klavierstücke V-VIII (1953) bereits ein gewisser Geist der gestalterischen Freiheit. So lebt das Klavierstück V trotz formaler Strenge und präzis Fixiertem auch von einer riesigen Palette an hochdifferenzierten Anschlagstechniken, über die der Interpret in den klanglichen Prozess eingreifen und daraus ein faszinierendes, sich zwischen Ruhe und Unruhe bewegendes Klangmobile entstehen lassen kann.

Mit den beiden Klavierstücken IX und X, die 1954 begonnen und 1961 ausgearbeitet wurden, ging Stockhausen den Weg der interpretatorischen Variabilität weiter. Und im Fall von Klavierstück IX kommt es gleich zu Beginn zu einem besonderen Wechselspiel zwischen Ordnung und Ausdruck. Über zweihundert Mal lässt Stockhausen einen Vierton-Akkord anschlagen, der einer mathematischen Reihe folgt. Zugleich muss der Interpret auch über minimale zeitliche Verzögerungen diese Akkord-Kette zum Atmen und Schwingen bringen. Ganz zum Schluss wird dieses funkelnde Klangperlen-Spiel wieder in Einzeltöne aufgespalten – und entschwindet zart und geheimnisvoll im Nichts.

Mit dem Klavierstück X, das 1962 von Frederic Rzewski uraufgeführt wurde, sollte Stockhausen dann noch einmal die Grenzen des Klavierspiels radikal verschieben. Denn das spannungsvolle Spiel zwischen den Extremen, zwischen klaren Tonstrukturen und hochverdichteten Akkordmassen erweist sich als pianistischer Hochseilakt – mit seinen irrwitzigen Glissandi und Clustern, die bisweilen mit dem kompletten Unterarm in die Tastatur gestanzt werden müssen.

Guido Fischer

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Werkeinfuehrung

Werkeinführung

Der Franzose Olivier Messiaen war eine Vaterfigur für die Nachkriegsavantgarde um Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Messiaen war zugleich ein legendärer Pädagoge und Organist, ein begeisterter Ornithologe und tiefgläubiger Katholik. Diese...

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