Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Mittwoch | 23. Mai 2018 | 20:00 Uhr
Moers | Martinstift | Kammermusiksaal
Preis: € 35 | 30 | 25
Ausverkauft
Images
Sergei Redkin
Stipendiat des Klavier-Festivals Ruhr 2017

„Ich bin die Zukunft gewesen“, meinte der französische Komponist Camille Saint-Saëns gegen Ende seines Lebens. „In meinen Anfängen wurde ich als Revolutionär apostrophiert, und in meinem Alter kann man nur noch ein Vorfahre sein.“ Als der 85-Jährige in seinem Todesjahr das kurze Feuillet d’album (Albumblatt) in As-Dur op. 169 komponierte – sein letztes publiziertes Werk für Soloklavier – setzte er damit einer vergangenen Romantik ein kleines nostalgisches Denkmal: verträumt, aber nicht sentimental; sehnsuchtsvoll, aber nicht wehmütig. Ein erinnertes Glück, frei von Bitternis.

Den wohl bedeutendsten musikalischen Neuerer seines Landes hatte Saint-Saëns knapp überlebt: Claude Debussy vor allem war es gelungen, sich tatsächlich aus der romantischen Tradition zu lösen. Er fand zu einem gänzlich eigenen und dennoch ungebrochen sinnlichen Stil. Zu seinen Schlüsselwerken gehören die Images für Soloklavier, deren erstes Heft in den Jahren 1905/06 entstand. In den „Reflets dans l’eau“ („Reflexionen auf dem Wasser“) werden Lichtspiegelungen und Wellenbewegungen zum Klang, der nicht nur die vielfältig gleißende Oberfläche ausmalt, sondern auch die Regungen der Tiefe. Mit der „Hommage à Rameau“ verneigte sich Debussy „im Stil einer Sarabande“ vor dem Maßstäbe setzenden Barock-Komponisten, gibt aber in dieser versonnenen Rückbindung der Moderne an die Alten Meister sich selbst nicht auf. Das abschließende „Mouvement“ („Bewegung“; das Wort meint aber auch einfach den „Satz“ eines Musikstückes) vereint technische Motorik mit beseelt-belebter Naturhaftigkeit.

Die Musikstadt Paris wurde in den 1920er Jahren vorübergehend auch zum Lebenszentrum für den russischen Komponisten Sergej Prokofjew. Nach den Revolutionswirren des Jahres 1917 hatte er seine Heimat zunächst in Richtung USA verlassen, lebte vorübergehend im bayerischen Ettal und kehrte schließlich freiwillig in die Sowjetunion und das stalinistische System zurück. Hier entstand in den Nachkriegsjahren 1945 bis 1947 seine neunte (und letzte) Sonate in C-Dur op. 103. Sie wirkt zum Einen wie der Versuch eines Rückzugs aus der Wirklichkeit in ein abgeschiedenes Märchenland, zum Anderen wie ein melancholischer Lebensrückblick. Schon der erste Satz („Allegretto“) verzichtet auf vordergründige Brillanz und zieht sich, vom verspielt punktierten Seitenthema abgesehen, auf ein hintergründiges Nachsinnen zurück. Seine kühnere Seite zeigte Prokofjew im anfangs beinahe widerborstig dahinjagenden zweiten Satz („Allegro strepitoso“), der in der Art eines Scherzos auch einen lyrischen Trio-Teil birgt und, wie fragend, zart-verzagt ausklingt. Als beinahe idyllische Ruheinsel erscheint der dritte Satz („Andante tranquillo“), wenngleich er die Aufgeregtheit nicht ganz ausblenden kann. Augenblicksweise vermeint man, das Ticken der Zeit zu hören. Der zunächst stürmische vierte Satz („Allegro con brio, ma non troppo presto“) lässt schließlich Prokofjews frechen Witz aufblitzen, versinkt dann in Traumverlorenheit und klingt mit fernem, hellen Glockengeläut aus.

Etwas dunkler ließ Camille Saint-Saëns seine Abendglocken (Les cloches du soir op. 85) läuten. Doch obwohl in Zeiten sich anbahnender Umbrüche zu Papier gebracht – Anfang 1889 stand der 53-jährige Komponist kurz davor, allen und allem den Rücken zu kehren und vorübergehend unterzutauchen – zeichnet die kleine Tonmalerei ein friedvolles Stimmungsbild: Ein elegischer Dankgesang, umhüllt von Glockengeläut.

Dem Glockenklang setzte auch Claude Debussy im Anfangsstück des zweiten Heftes seiner Images ein raffiniertes pianistisches Denkmal. In den „Cloches à travers les feuilles“ („Glocken, durch das Laub hallend“) verwob er das ferne Läuten mit dem nahen (Wind-)Spiel des Herbstlaubes. Damit eröffnen zwei ganz unterschiedliche Bezugspunkte (immaterieller Klang und bewegtes Material) einen weiten musikalischen Raum, den Debussy zudem mit südostasiatischem Flair einfärbte. Die Dimension des Raumes wird in „Et la lune descend sur le temple qui fut“ („Der Mond senkt sich über den Tempel von einst“) noch durch die Dimension der Zeit ergänzt: Das aus der Höhe die Szenerie beleuchtende Mondlicht erfasst auch die Tiefe der Vergangenheit. Einmal mehr widmete sich Debussy dem Wasser im Abschlussstück der Images: Zu „Poissons d’or“ („Goldfische“) wurde er angeblich durch eine japanische Lackarbeit angeregt und schuf damit eine vitale Hymne auf das sich stets wandelnde Element.

Als „Bilder“ bezeichnete auch der russische Komponist und Pianist Sergej Rachmaninow seine beiden Sammlungen hochvirtuoser Etüden: Études-tableaux op. 39. Die zweite, insgesamt neunteilige Zusammenstellung entstand in den Jahren 1916 und 1917. Kurz darauf verließ Rachmaninow seine Heimat, kehrte nie wieder dorthin zurück und starb ein Vierteljahrhundert später im amerikanischen Exil. Der Gesamttitel verweist darauf, dass die einzelnen Konzertstücke gleichzeitig inhaltlich aufgeladene Tongemälde sein können. Die Auswahl des heutigen Abends beginnt mit der rasanten Nummer Nr. 3 (Allegro molto), deren virtuosen Läufe von irrlichternder Leidenschaft künden. Über die Nr. 6 (Allegro) schrieb Rachmaninow selbst, dass sie vom Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf inspiriert gewesen sei – dunkle Bedrohung steht der herzklopfenden Angst gegenüber. Als sakrale Reminiszenz ist das Spiel der Glocken den letzten drei Etüden eingeschrieben: In der weit ausladenden, finster-grüblerischen Nr. 7 (Lento) mischt es sich als mächtiger, bronzener Klang aus der Welt russisch-orthodoxer Kathedralen. Milde und abgeklärt hingegen durchtönt es als stilisiertes Geläute die sich hymnisch aufschwingende und still ausschwingende Nr. 8 (Allegro moderato). Abermals mit Macht beginnt es die finale Nr. 9 (Allegro moderato. Marcia), durchwebt deren marschartigen musikalischen Fluss immer wieder mit kräftigen Schlägen und beendet das Stück mit feierlicher Emphase.

Oliver Binder

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