Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Donnerstag | 17. Mai 2018 | 20:00 Uhr
Düsseldorf | Robert-Schumann-Saal | Robert-Schumann-Saal
Héroïque
Lucas Debargue

Der große Traum von der großen Pianisten-Karriere war für Frédéric Chopin, nicht zuletzt dank einer realistischen Selbsteinschätzung, einigermaßen früh ausgeträumt. Große Säle, großes Publikum, große Aufmerksamkeit – das lag dem Polen einfach nicht. Er war in seinem Wesen eher scheu, in seiner Musik dafür umso radikaler. Aus seinem Heimweh hat Chopin, selbst als er in Paris ansässig geworden war, nie ein Hehl gemacht. Und so wurden seine „Polonaisen“ zu einem musikalischen Symbol für sein Land und – mehr noch – für das unterdrückte Polen. Die rhythmischen und melodischen Formeln, die für diese Gattung kennzeichnend sind, bilden eine Art Tor zu der stolzen, kämpferischen Erinnerung an den verblassenden Ruhm des Landes. Die Gattung Polonaise war für Chopin also weniger Lokalkolorit als vielmehr Bekenntnis zu seiner nationalen Identität. Am 15. Dezember 1842 kündigte er in einem Brief an den Verlag Breitkopf & Härtel seine vierte Ballade an, dazu sein viertes Scherzo und eine neue Polonaise in As-Dur op. 53. Offenbar hat Chopin an diesen Werken mehr oder weniger gleichzeitig gearbeitet. Dass noch rund ein Jahr vergehen sollte, bis die As-Dur-Polonaise tatsächlich im Druck erschien, lag auch daran, dass Chopin nach einigen Unterbrechungen noch Veränderungen vorgenommen hat. Die „Heroische“, wie diese Polonaise gern genannt wird, besitzt alles, was diese Gattung so populär macht: fanfarenhaften Glanz, innere Kraft, melancholisch angehauchte Verschnaufpausen und ein rauschendes Finale.

Schon 1845 deutete es sich an, ein Jahr später eskalierte die Situation endgültig. George Sand und Frédéric Chopin trennten sich. Ein letztes Mal hatte Chopin bei ihr seine Sommerferien in Nohant verbracht. Doch als er nach Paris zurückkehrte, war die Beziehung beendet. Sein Pleyel-Flügel und sein Pianino waren bereits unterwegs. George Sand hatte ihm die beiden Instrumente nachgeschickt. An den Cellisten Auguste Franchomme schreibt Chopin im Juli 1846: „Mein Guter, ich tue mein Möglichstes, um zu arbeiten, aber ich komme nicht von der Stelle.“ Chopin beendet schließlich die „Polonaise-Fantaisie“ und die Nocturnes op. 62 sowie die Barcarolle op. 60 – ein visionäres Werk von harmonischer Kühnheit, Vorbote der Musiksprachen von Debussy und Ravel. Chopin hat hier die venezianischen Gondellieder Mendelssohns zu einem erweiterten Nocturne in Terzen und Sexten verfeinert.

Die Entstehung des Scherzos Nr. 2 in b-Moll op. 31 reicht knapp ein Jahrzehnt zurück, in die Jahre 1836/37. Wie stets, wenn sich Chopin traditionellen Formen zuwendet, versteht er dies als Chance für einen kreativen Umgang mit ihnen. Er schafft Räume, in denen Bewegungsfreiheit herrscht, er kreuzt Formen und vernäht die Satzstrukturen neu. Bereits die Rahmenteile sind stark antithetisch gebaut. Der Mittelteil, bezeichnenderweise nach A-Dur wechselnd, klingt dagegen völlig anders: anmutig, tänzerisch, leicht. Im Schlussabschnitt schließlich folgt die endgültige Entfesselung der Elemente – scheinbar. Denn die Coda löst nicht ein, was sich anzudeuten scheint. Das Stück endet nicht in seiner Haupttonart, sondern in Des-Dur, der Tonart der „Berceuse“.

Als Chopin in jungen Jahren seine Warschauer Heimat verließ, wurde er in Wien vom Walzerfieber erfasst – wie er überhaupt nationale und volkstümliche Tanzformen schätzte. Nicht von ungefähr ist es ihm wie kaum einem anderen Komponisten gelungen, Tänze mit der Kunstmusik so zu verschmelzen, dass daraus neue, eigene Gattungen entstanden. Daneben hat Chopin vor allem zwei neuere Formen entscheidend geprägt: Ballade und Nocturne. Titel und Gestus der Nocturne sind bei John Field entlehnt. Seine beiden Nocturnes op. 48, komponiert 1841, hat Chopin einer seiner Schülerinnen gewidmet, Laure Duperré, einer Admiralstochter. Das erste Werk in c-Moll, eines der längsten aller Nocturnes, öffnet hinter seiner schlichten dreiteiligen Form (A-B-A) so manchen Abgrund. Nach einem langsamen ersten Teil, der das Thema gleichsam rhythmisch fragmentiert, folgt ein Choral, der am Ende, nach wüsten Oktavenpassagen, wieder zum ersten Thema zurückführt, diesmal jedoch mit Triolen und in seinem Gestus gedrängt und gesteigert.

Bei Chopins h-Moll-Scherzo ist die Entstehungszeit rätselhaft. Möglicherweise entstand es bereits 1830/1831 oder aber erst 1834/1835. Chopins Selbstaussagen sind reich an Entrüstungen über die revolutionären Unruhen in seiner polnischen Heimat. Ob diese in direktem Zusammenhang mit dem Scherzo op. 20 stehen, ist möglich, aber nicht sicher. Den Charakter von Wut, Protest und Auflehnung findet man hier allemal. „Presto con fuoco“ lautet die Vortragsbezeichnung, und mit zwei entrüsteten Ausrufen geht es los. Dissonanzen, Synkopen, ein gärendes Brodeln im Bass, Skalen, die sich in Windeseile zu grellen Schreien entwickeln – von innerem Frieden ist das Werk weit entfernt. Im Mittelteil freilich wechselt Chopin von Moll nach Dur, ein polnisches Volkslied hebt an, „Schlaf, kleiner Jesus“. Doch dies ist nur ein Intermezzo, kein endgültiger Befund. Der erste Teil beginnt von Neuem, am Ende fordert Chopin sogar ein dreifaches Forte, dazu beißende Dissonanzen. Friede, Erlösung, Glück – hier weit weg.

Er war ein bisschen wie ein Chamäleon, und doch immer er selbst. Karol Szymanowski hat, trotz einer gewissen Rückständigkeit des Musiklebens und der schwierigen Bedingungen sowohl im geteilten als auch im wieder selbstständig gewordenen Polen, einen ständigen Spagat geschafft: einerseits Anschluss an die internationale Musikentwicklung zu halten, und andererseits sich immer wieder neu zu erfinden, einen eigenen Stil zu entwickeln, der mal unverkennbar in seinem Heimatland wurzelt (2. Violinkonzert), mal dem französischen Impressionismus („Mythes“) abgelauscht ist, der seine Musik mal aus russischen („König Roger“), deutschen (Sinfonien 1 und 2) und mal auch aus nordafrikanisch-orientalischen Einflüssen („Hafis Liebeslieder“) gespeist hat. Er war der erste Komponist Polens, der nach Chopin wieder zu Weltgeltung fand. Doch anders als Chopin hat Szymanowski sich nicht aufs Klavier fokussiert, sondern viele Gattungen in seinem kompositorischen Œuvre abgedeckt. Seine Sonate Nr. 2 in A-Dur op. 21 entstand 1910 und 1911, Szymanowski war 28 Jahre alt – ein Werk an der Schnittstelle zwischen seiner ‚modernistischen‘ und seiner ‚impressionistischen‘ Phase, also zwischen der Zeit seiner Nähe zu Richard Strauss und der Wahlverwandtschaft mit Debussy und Ravel. War seine erste Sonate ein akademisch geprägter Erstling, gänzlich romantisch geprägt, so ist die Sonate Nr. 2 – trotz ihrer zwei Sätze, einem stürmisch überbordenden ersten und einem Variationensatz an zweiter Stelle, gipfelnd in einer vierstimmigen Fuge – ein weit gespanntes, opulentes Werk, eine technische Grenzerkundung für jeden Pianisten. „Ich weiß nicht, wer das alles spielen wird, weil es so lang und so höllisch schwer ist“, meinte der Komponist nach Beendigung seines Werkes. Während der Entstehungszeit verbrachte Arthur Rubinstein einige Zeit bei Szymanowski in Tymoszówka, daher liest man immer wieder, Szymanowski habe die Sonate für Rubinsteins Hände komponiert. Jedenfalls spielte Rubinstein das Werk nach der Uraufführung 1911 in ganz Europa (aber nie für die Schallplatte!), und der Wiener Kritiker Richard Specht schrieb nach einer dieser Aufführungen, die Sonate offenbare „ein außergewöhnliches Talent, mächtig und voller Einfallsreichtum, inspiriert von allen denkbaren musikalischen Kulturen, und dennoch einen eigenen Weg verfolgend.“

Christoph Vratz

 

Newsletter Anmeldung

Neuigkeiten zum Programm, zu einzelnen Konzerten, zu Festival-CDs oder allgemeine Infos vom Klavier-Festival Ruhr erhalten Sie schnell und direkt mit unserem Newsletter.

Abonnieren Sie den Newsletter

Social Media

Verfolgen Sie die Aktivitäten, Tipps und Neuigkeiten rund um das Festival und seine Künstler auch im Social Network.
Wir freuen uns auf Sie!

Facebook Twitter YouTube

Das Programm zum Blättern

Damit Sie auch in diesem Jahr unser Gesamtprogramm online bequem durchblättern können, klicken Sie bitte auf den nachfolgenden Link.

Gesamtprogramm

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr  |  Alfred Herrhausen Haus  |  Brunnenstraße 8  |  45128 Essen

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen

Kontakt

oneSheet Kontakt
Kontaktformular

Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen
Tel. +49 (0)201-89 66 80

Sie können uns Ihre Anfrage gerne per Kontaktformular senden.
Datenschutzerklärung   *
zukünftige Werbung:   
Ich bin damit einverstanden, dass das Klavier-Festival Ruhr Sponsoring und Service GmbH, Brunnenstraße 8, 45128 Essen, meine Daten auch verwendet, um mich künftig per E-Mail über Veranstaltungen des Klavier-Festivals Ruhr zu informieren. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z. B. per Brief an die o.g. Anschrift oder per E-Mail an info@klavierfestival.de oder telefonisch unter T. 0201/896680, ohne dass mir hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen.
Tragen Sie hier bitte das Ergebnis der Rechenaufgabe ein!
captcha

Für eine Programmbestellung benötigen wir - neben den Pflichtfeldern (*) - auch Ihren Wohnort mit Straße, Ort und Länderangabe.