Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Dienstag | 15. Mai 2018 | 20:00 Uhr
Preis: € 30 | 25 (ermäßigt)
Tickets buchen | Tickets verfügbar
Lied 2 - Claude Debussy
Graham Johnson
Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2001
Sarah Fox (Sopran)
François Le Roux (Bariton)

Claude Debussy stammte aus einfachen Verhältnissen, und nichts wies darauf hin, dass er eines Tages Komponist werden sollte. Eine Tante namens Clémentine war es, die sein musikalisches Talent entdeckte. Früh kam Debussy als Student ans Konservatorium, wo ihm in der Kompositionsklasse mehr Erfolg beschieden war als in der Klavierklasse. Nach zwei Anläufen erhielt er sogar den begehrten „Prix de Rome“, die Krönung für jeden jungen Komponisten, verbunden nicht nur mit großem Ansehen, sondern mit einem zweijährigen Aufenthalt in der Villa Medici in Rom sowie mit einem Stipendium über den gleichen Zeitraum. Allerdings: „Kennen Sie unter den glorreichen Institutionen Frankreichs eine, die so lächerlich ist wie die Institution des Prix de Rome?“, fragte sich später Debussys Alter Ego Monsieur Croche, nachdem er das Stipendium angenommen hatte. Dabei war der Rom-Preis gewiss nicht zu seinem Nachteil, nicht nur wegen der komfortablen finanziellen Situation. Debussy entdeckte seine Begeisterung für die Messen des Renaissance-Komponisten Palestrina, er lernte in Rom Franz Liszt kennen, und außerdem komponierte er recht fleißig. Neben dem Pensum, das die Académie des Beaux-Arts von ihrem Stipendiaten erwartete, schrieb er mehrere Lieder, darunter die „Ariettes“ nach Gedichten von Paul Verlaine, eine Sammlung, die 1888 als Opus 3 in Paris veröffentlicht wurde. Debussy überarbeitete die Lieder 1903, brachte sie unter dem Titel Ariettes oubliées erneut heraus und widmete sie der Sängerin Mary Garden, der ersten Mélisande seiner einzigen Oper „Pelléas et Mélisande“, die 1902 uraufgeführt wurde. Verlaine war der erste bedeutende Dichter des Symbolismus und wurde von Debussy sehr geschätzt: Zwischen 1882 und 1904 vertonte er zwanzig Verlaine-Gedichte. Die Gedichte, die den Ariettes oubliées zugrunde liegen, beschreiben Naturstimmungen und sind voller Wehmut, doch ohne leidenschaftliche Ausbrüche. Ebenso verhält es sich bei den Vertonungen Debussys: Sie sind einfach, klar und von verhaltenem Ausdruck.

Im Jahr 1891 wandte sich Debussy erneut Verlaine zu und komponierte Trois Mélodies de „Sagesse“ nach Gedichten aus der gleichnamigen Sammlung von Verlaine. Debussy liebte das Meer und hatte sich in Kindertagen gewünscht, später Seefahrer zu werden. Er schuf eine wogende Begleitung mit Dreiklangs-Arpeggien für das Lied La mer est plus belle que les cathédrales (Das Meer ist schöner als die Kathedralen). Es sollten noch mehr als zehn Jahre vergehen, bis Debussy seine berühmte Tondichtung „La Mer“ komponierte.

Der junge Verlaine hatte sich zu seinem Gedichtzyklus Fêtes galantes durch den Rokokomaler Antoine Watteau inspirieren lassen. Den Begriff „fête galante“ als Sinnbild für eine aristokratische Festszene verwendete Watteau als Gattungsbezeichnung für Gemälde, die höfische Feierlichkeiten, Schäferstücke oder ein spezifisches motivisches Ambiente zeigten. Debussy vertonte Clair de lune, das melancholische erste Gedicht des Zyklus, erstmals im Jahr 1882 zusammen mit einigen anderen Versen aus den Fêtes galantes und schuf später eine völlig neue zweite Fassung, um sie als Teil einer Liederserie unter gleichem Titel zu veröffentlichen: Fêtes galantes I. Ein Vergleich der beiden Versionen von Clair de lune (aus den Jahren 1882 und 1891) zeigt, dass sich Debussys Tonsprache im Lauf der neun Jahre, die zwischen den beiden Versionen liegen, signifikant verändert hat. Die frühe Vertonung, die wir zu Beginn des heutigen Programms hörten, ist formal noch vergleichsweise konventionell. Sie verleiht Verlaines Versen eine optimistische, lichte Atmosphäre mit kaskadenartigen Dreiklängen und der Dur-Grundstimmung der Klavierbegleitung. Die spätere Version ist dunkler mit einer Moll-Grundstimmung und pentatonischen Skalen.

Für Debussys frühe Lieder wurde eine Dame aus der gehobenen Gesellschaft eine wichtige Inspirationsquelle: Marie-Blanche Vasnier war 30 Jahre alt, als der 18-jährige Debussy sie 1880 kennenlernte. Sie war mit einem bekannten Architekten und Kunstsammler verheiratet und hatte eine schöne Sopranstimme. Debussy, fasziniert von ihrem musikalischen Talent und von ihrem Charme, verliebte sich in sie und hatte eine Affäre mit ihr (über die ihr Gatte großzügig hinwegsah). Debussy komponierte etwa dreißig Lieder für sie und schrieb in einer Widmung: „für Madame Vasnier. Diese Lieder, die nur durch sie zum Leben erweckt wurden und ihre bezaubernde Anmut verlieren werden, wenn sie einmal nicht mehr durch ihren melodischen Feenmund dringen.“ In späteren Jahren war es wiederum eine musikalisch begabte Frau, die zur Inspirationsquelle für weitere Liedkompositionen wurde: Im Frühjahr 1904 verliebte sich der Komponist in Emma Bardac, eine Frau von Welt, gebildet, einflussreich und außerdem sehr musikalisch. Debussy kehrte zurück zu Verlaine und komponierte eine zweite Sammlung, Fêtes galantes II, auf deren Titelblatt zu lesen war: „Pour remercier le mois de juin 1904, A.l.p.m.“ („Als Dank an den Monat Juni 1904, A.l.p.m.“). Diese ein wenig rätselhafte Abkürzung bedeutete „à la petite mienne“ („an die kleine meine“), Debussys Kosename für Emma. Sie wurde seine zweite Frau und Mutter der gemeinsamen Tochter Claude-Emma, auch Chouchou genannt. Diese Lieder repräsentieren den schlichteren Stil des reifen Debussy.

Während der Sommermonate 1888 und 1889 pilgerte Debussy wie viele französische Komponisten nach Bayreuth, um Wagners Opern zu hören. Debussy war fasziniert, und die „unendliche Melodie“ und instrumentale Klangfülle in den Cinq poèmes de Baudelaire, fünf Lieder nach Gedichten aus Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“, zeugen von Debussys „Wagner-Fieber“. Eines der Lieder trägt den Titel Le Jet d’eau und geriet zu einem musikalischen Wasserspiel mit glitzernden Wellenfiguren. Wie in Baudelaires Text wird das Rauschen des Brunnens zur Begleitung einer lyrischen Klage. Die eher instrumental als vokal behandelte Stimme und die Chromatik sind von Wagner inspiriert. Debussy orchestrierte Le Jet d’eau im Jahr 1907. Nach dieser Sammlung von Baudelaire-Vertonungen ebbte Debussys Wagner-Begeisterung ab, ja, er kämpfte gegen die Faszination für das „Phantom des alten Klingsor alias R. Wagner“, wie er in einem Brief schrieb. Mit dem Schriftsteller Pierre Louÿs, einem glühenden Wagner-Anhänger, war Debussy ab 1893 eng befreundet. Der Dichter bewegte sich nicht im Dunstkreis der Symbolisten, sondern favorisierte den Geist einer heiteren Antike und mag Debussy in Richtung Klassizismus beeinflusst haben. Die drei Chansons de Bilitis sind Lieder einer Hirtin. In La flûte de Pan erzählt sie von ihrer Liebe zu Pan, der ihr eine Syrinx schenkt und sie das Flötespielen lehrt. Am Ende der Trilogie steht ein trauriges Lied: Le tombeau des Naїades erzählt vom Winter – Satyrn und Nymphen sind tot, die vereiste Quelle wurde zum Grab der Najaden. Gleichförmige Terzen im Klavier stehen für die erstarrte Natur, traurig ist das tonlose Deklamieren der Singstimme. Die Chansons de Bilitis sind intime Kleinodien von einer weniger großen vokalen Klangfülle. Die Klavierbegleitung ist viel sparsamer als bei den Cinq Poèmes de Baudelaire.

1909 wurde bei Debussy Darmkrebs diagnostiziert. 1915 war die Krankheit so weit fortgeschritten, dass er sich einer Operation unterziehen musste. Kurz nach dem chirurgischen Eingriff, mitten im Ersten Weltkrieg, verfasste er einen Text mit dem Titel Noël des enfants qui n’ont plus de maison (Weihnacht der heimatlosen Kinder), und vertonte ihn – das Lied hatte großen Erfolg. Debussy war sich des etwas reißerischen Charakters von Noël bewusst und schrieb an seinen Freund und Kollegen Paul Dukas: „Maman ist tot, Papa ist im Krieg, wir haben keine kleinen Pantinen mehr, wir mögen Brot lieber als Spielsachen, und zum Abschluss: ‚Der Sieg den Kindern Frankreichs‘. Das ist alles, was drinsteckt! Aber das erreicht die Herzen der Leute auf direktem Weg.“ Dieses patriotische Lied war das letzte Lied aus der Feder Claude Debussys.

Dorle Ellmers

Newsletter Anmeldung

Neuigkeiten zum Programm, zu einzelnen Konzerten, zu Festival-CDs oder allgemeine Infos vom Klavier-Festival Ruhr erhalten Sie schnell und direkt mit unserem Newsletter.

Abonnieren Sie den Newsletter

Social Media

Verfolgen Sie die Aktivitäten, Tipps und Neuigkeiten rund um das Festival und seine Künstler auch im Social Network.
Wir freuen uns auf Sie!

Facebook Twitter YouTube

Das Programm zum Blättern

Damit Sie auch in diesem Jahr unser Gesamtprogramm online bequem durchblättern können, klicken Sie bitte auf den nachfolgenden Link.

Gesamtprogramm

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr  |  Alfred Herrhausen Haus  |  Brunnenstraße 8  |  45128 Essen

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen

Kontakt

oneSheet Kontakt
Kontaktformular

Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen
Tel. +49 (0)201-89 66 80

Sie können uns Ihre Anfrage gerne per Kontaktformular senden.
Datenschutzerklärung   *
zukünftige Werbung:   
Ich bin damit einverstanden, dass das Klavier-Festival Ruhr Sponsoring und Service GmbH, Brunnenstraße 8, 45128 Essen, meine Daten auch verwendet, um mich künftig per E-Mail über Veranstaltungen des Klavier-Festivals Ruhr zu informieren. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z. B. per Brief an die o.g. Anschrift oder per E-Mail an info@klavierfestival.de oder telefonisch unter T. 0201/896680, ohne dass mir hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen.
Tragen Sie hier bitte das Ergebnis der Rechenaufgabe ein!
captcha

Für eine Programmbestellung benötigen wir - neben den Pflichtfeldern (*) - auch Ihren Wohnort mit Straße, Ort und Länderangabe.