Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Donnerstag | 03. Mai 2018 | 20:00 Uhr
Bochum | Zeche Holland | Alte Lohnhalle
Bourrée fantasque
Jamina Gerl

Camille Saint-Saëns schrieb etwa zwanzig Klavierwerke im neoklassizistischen Stil, die mit ihrem Wohlklang und ihrer Eleganz bestens zur Atmosphäre der Pariser Salons passten. Das aus sechs Miniaturen bestehende Album op. 72 entstand 1884 und wurde noch im gleichen Jahr mit einer Widmung an Saint-Saëns‘ Schülerin Anna Hoskier veröffentlicht. Es ist von einem virtuosen Konzertstil geprägt, der mit einer Dominanz von technisch anspruchsvollen Stücken im schnellen Tempo einhergeht. Dazu zählen das muntere Prélude mit seiner durchgehend fließenden Bewegung, die als Perpetuum mobile konzipierte, rastlos nach vorn strebende Toccata, der lebhaft verspielte Walzer und das kraftvolle, in eine jubelnde Apotheose mündende Finale. Einen lyrischen Ruhepunkt bildet das verträumte Carillon, dessen ostinates Terzmotiv Assoziationen an Glockenschläge weckt. Im Neapolitanischen Lied wird das verhaltene, düstere Eröffnungsthema durch ein dramatisch zugespitztes Seitenthema und fulminante Steigerungen kontrastiert.

Lyrische Formen spielen im Klavierwerk von Gabriel Fauré eine zentrale Rolle. Als Schüler von Camille Saint-Saëns blieb er Zeit seines Lebens der Tradition verhaftet, erneuerte sie jedoch durch das konsequente Einarbeiten moderner Einflüsse. Werkbezeichnungen wie Prélude, Impromptu, Ballade, Mazurka oder Walzer machen deutlich, dass Chopin zu Faurés wichtigsten Vorbildern gehörte. Die Bezeichnung Nocturne verwendete er programmatisch für insgesamt 13 Stücke, in denen er den Wechsel zwischen Licht und Dunkel, zwischen Leidenschaft und Ruhe musikalisch darstellte. Das Nocturne in es-Moll op. 33/1 ist durch eine verträumte, melancholische Grundstimmung gekennzeichnet, die im Mittelteil durch wirbelnde Sextolen vorübergehend verdrängt wird.

Die Uraufführung von Maurice Ravels Klavierstück Jeux d’eau (Wasserspiele) wurde am 5. April 1902 in Paris zu einer unerwarteten Sensation. Der völlig neue Kompositionsstil des erst 27-jährigen Künstlers rief bei Publikum und Presse einhellige Bewunderung hervor. Unter dem Motto „Flussgott, über das Wasser lachend, das ihn kitzelt“ (Henri de Régnier) widmet sich das Werk dem Element des Wassers in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Wasserfälle, reißende Flüsse, kleine Bäche, Kaskaden und Springbrunnen inspirierten Ravel zu dieser technisch äußerst anspruchsvollen Komposition, die das Rauschen, Glitzern, Fließen und Plätschern der Wassermassen musikalisch darstellt. Dabei werden alle Register des Klaviers genutzt und neue tonale Möglichkeiten erprobt.

Schillernde Farben, strahlende Virtuosität und pure Lebensfreude kennzeichnen Claude Debussys Stück L’isle joyeuse (Die Insel der Freuden), das im Juli und August 1904 – und somit in zeitlicher Nähe zu Ravels Jeux d’eau – entstand. Als Vorbild soll dem Komponisten Watteaus 1717 entstandenes Gemälde „Einschiffung nach Kythera“gedient haben, auf dem eine antike Ideallandschaft mit der mythologischen Insel Kythera zu sehen ist, die als Inbegriff für Glück und sinnliche Erfüllung galt. Der technisch äußerst anspruchsvolle Klaviersatz ahmt die Klänge eines Orchesters nach. Die gleißende Hitze mit flirrender Luft, der dionysische Freudentaumel und die ekstatische Hochstimmung sind musikalisch detailliert nachgezeichnet.

Frédéric Chopin führte die Gattung der Nocturne zu einzigartiger Meisterschaft, indem er nicht nur romantisch-zarte, sondern auch wehmütig-düstere Emotionen einbezog und stets auf einen hohen kompositorischen Anspruch achtete. Das Nocturne Nr. 13 in c-Moll op. 48/1 erinnert eher an eine Heldenklage als an einen sentimentalen Abendgesang. Das 1841 entstandene, prächtig dunkle Tongemälde gleicht einer Ballade und ist in ABA-Form komponiert. Der mittlere Abschnitt entwickelt sich mit arpeggierten Akkorden und donnernden Doppeloktaven zu einem strahlenden, hymnischen Gesang, bevor die Reprise des A-Teils in doppeltem Tempo und mit massiver Akkordfülle hereinbricht. 

Ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand Franz Liszts Ballade Nr. 2, die vom griechischen Mythos um die Priesterin Hero inspiriert ist. Ihr Geliebter Leander durchschwamm jede Nacht eine Meerenge, um mit der Frau seines Herzens vereint zu sein. Als während eines Sturms seine wegweisende Lampe erlosch, verirrte er sich auf dem Meer und ertrank. Am folgenden Morgen entdeckte Hero den Leichnam des Geliebten und stürzte sich von einer Klippe in den Tod. Die im Frühjahr 1853 vollendete Komposition besticht durch formale Stringenz und eine großartige dramatische Wirkung. Harte Dissonanzen, rasende Läufe, kraftvoll gebrochene Akkorde und wilde Akzente sorgen für ergreifende Höhepunkte, bis die Ballade friedlich und sanft ausklingt.

Obwohl die Werke von Emmanuel Chabrier heute nur selten aufgeführt werden, waren sie für die musikalische Entwicklung in Frankreich im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert von großer Bedeutung. Viele Komponisten – darunter auch Claude Debussy und Maurice Ravel – ließen sich durch seine reiche Erfindungsgabe und sprühende Vitalität inspirieren, die ihm den Ruf „lebhaft wie ein Fink und melodiös wie eine Nachtigall“ (Paul Verlaine) einbrachte. Zu Chabriers wenigen Klavierwerken gehört die im April 1891 entstandene Bourrée fantasque, die Brillanz und Virtuosität in den Vordergrund stellt. An die im 17. Jahrhundert populäre Bourrée erinnern lediglich die klare, achttaktige Struktur sowie die markanten Tonwiederholungen. Das effektvolle Konzertstück lebt vom Kontrast zwischen kraftvollen Passagen und verhaltenen, nachdenklichen Abschnitten.

Bei den Drei fantastischen Tänzen op. 5 handelt es sich um ein Jugendwerk, und zwar um die früheste Klavierkomposition von Dmitrij Schostakowitsch, die er 1922 im Alter von 16 Jahren schuf. Die Stücke wurden am 20. März 1925 in Moskau vom Komponisten selbst mit großem Erfolg uraufgeführt, einer Veröffentlichung stimmte er aber erst 1937 zu. Schon in diesen frühen Tänzen zeigt sich seine ungewöhnliche Reife, die sich u.a. in größerer tonaler Freiheit widerspiegelt. Sowohl das erste Allegretto als auch das Andantino werden von einer melancholisch verhaltenen Grundstimmung beherrscht, die erst im zweiten Allegretto durch lebhafte Passagen und markante Rhythmen aufgebrochen wird.

Mit 16 Jahren schrieb Sergej Prokofjew 1907 skizzenhaft eine dreisätzige Jugendsonate nieder. Zwei Jahre später holte er die Entwürfe wieder hervor, konzentrierte sich ganz auf den Kopfsatz, verwarf den Rest der Sonate und publizierte das Ergebnis als Sonate Nr. 1 op. 1. Mit der Wahl der Tonart spielte Prokofjew auf Beethovens erste und Schumanns dritte Klaviersonate an, die beide ebenfalls in f-Moll stehen. Klar erkennbar ist auch die Anlehnung an Alexander Skrjabins Musik, die Prokofjew sehr bewunderte. Sein Erstlingswerk überzeugt durch eine bemerkenswerte Geschlossenheit. Ganz der spätromantischen Harmonik verpflichtet, entwickelt sich das klanggewaltige, virtuose Stück zwischen verhaltener Melancholie und zahlreichen dramatischen Steigerungen.

Andrea Susanne Opielka

 

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