Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2018 Ausgewähltes Konzert
Sonntag | 22. April 2018 | 18:00 Uhr
Die Besten der Besten - Preisträgerkonzert
JeungBeum Sohn
1. Preis 66. Internationaler Musikwettbewerb der ARD 2017

Die Rêverie von Claude Debussy entstand wahrscheinlich zwischen 1880 und 1884, ist also das Werk eines jungen Mannes um die zwanzig und gehört zu den ersten Klavierstücken des Komponisten. Sein eigenständiger Stil war noch nicht so stark ausgeprägt; den explosionsartigen Ausbrüchen und Klangfeuerwerken späterer Kompositionen begegnet man in diesem Stück noch nicht, es hat eher einen meditativen Charakter. Dabei ist diese Miniatur ein erster Meilenstein in Debussys Œuvre, gelang es ihm hier doch bereits, eine traumhafte Atmosphäre und einen sehr besonderen Klang zu schaffen. Das sanfte, repetitive Thema lässt den Zuhörer in einer Traumwelt versinken – wie schon der Titel Rêverie (Träumerei) andeutet. Zunächst beginnt das Stück mit einer Begleitfigur in der linken Hand. Eine einfache Melodie in der rechten Hand erhebt sich darüber, doch erst im sechsten Takt gewinnt das rhythmisch suchende Thema an Stabilität, und während die Struktur der Musik komplexer wird, erscheinen die Träume immer lebhafter und ziehen den Hörer in ihren Bann. Debussy selbst hatte keine sehr hohe Meinung von seinem frühen Klavierstück, das ihm zu „kommerziell“ erschien, doch bis heute erfreut es sich besonders großer Beliebtheit.

 

Frédéric Chopins Etüden waren bahnbrechend für die gesamte Klavierliteratur und zeugen von einer innovativen Technik: Der junge Komponist und Pianist, der das Klavierspielen weitgehend autodidaktisch erlernt hatte, lotete damit die Grenzen dessen aus, was auf dem Klavier technisch machbar ist. Heinrich Heine war überrascht, welch weite Griffe Chopin mit seinen kleinen und zarten Händen bewältigen konnte; der Dichter verglich sie in seiner unnachahmlichen Ironie mit den Kiefern einer Schlange, die sich plötzlich auftun, um ihr Opfer zu verschlingen. Als der zeitgenössische Kritiker Ludwig Rellstab die Etüden zum ersten Mal zu Gesicht bekam, gab er den ironischen Ratschlag, beim Üben stets einen Chirurgen in Bereitschaft zu halten. In der Tat sind die technischen Anforderungen bei diesen Etüden enorm. Was ihre Ausführung jedoch zu einer echten Herausforderung und das Hören zu einem besonderen Genuss macht, ist ihr musikalischer Anspruch.

Die Zwölf Etüden op. 25 erschienen 1837, wenige Jahre nach dem ersten Etüdenband op. 10. Robert Schumann, der Chopin persönlich mit der ersten der Etüden op. 25 am Klavier erlebte, sah in ihr „mehr ein Gedicht als eine Etüde“ und verglich sie mit einer „Äolsharfe“. „Nach der Etüde wird’s einem wie nach einem sel’gen Bild, im Traum gesehen, das man, schon halbwach, noch einmal erhaschen möchte“, schrieb Schumann. Die zweite Etüde in F-Dur schilderte er als „so reizend, träumerisch und leise, etwa wie das Singen eines Kindes im Schlafe.“ Nr. 3 ist eine ausgelassene Caprice, Nr. 5 hat mit ihrem „musikalischen Schluckauf“ Scherzo-Charakter. Die Etüde Nr. 7 ist von slawischer Schwermut geprägt, Chopin spielte sie selbst häufig und gern. Als Heilmittel gegen steife Finger empfahl der Dirigent und Pianist Hans von Bülow die Nr. 8 und riet, sie vor einem Auftritt sechsmal durchzuspielen (dabei sollte man allerdings auch Ludwig Rellstabs Ratschlag beherzigen, siehe oben). Die sogenannte „Schmetterlingsetüde“ schließt sich als Nr. 9 an und ist mit ihrem ständigen Wechsel zwischen Legato und Staccato besonders heikel. Mit den letzten drei Etüden ließ Chopin drei enorm anspruchsvolle und höchst emotionale Meisterwerke in Moll aufeinander folgen. Die Etüde Nr. 11 hat den Beinamen „Der Winterwind“, ihre ersten vier Takte stehen mit einer unheimlichen Ruhe in wirkungsvollem Kontrast zu der danach folgenden rastlosen Wildheit. Wegen ihrer Arpeggienwogen erhielt die zwölfte und letzte der Etüden den Titel „Ozean-Etüde“. „Doch wozu der beschreibenden Worte!“, schrieb Schumann über Chopins Etüden op. 25. „Sind sie doch sämtlich Zeichen der kühnen, ihm innewohnenden Schöpferkraft, wahrhafte Dichtergebilde.“

 

Franz Schubert komponierte nur wenige Wochen vor seinem eigenen Tod und ein Jahr, nachdem Beethoven zu Schuberts großer Bestürzung verstorben war, seine eindrucksvollen drei letzten Klaviersonaten. Sie entstanden innerhalb eines einzigen Monats, im September 1828, und gelten als Resümee einer lebenslangen Auseinandersetzung Schuberts mit Beethoven. Ihre Aufführungsgeschichte reicht noch nicht allzu weit zurück, im Grunde wurde die Qualität von Schuberts letzten Klaviersonaten erst im 20. Jahrhundert entdeckt und gewürdigt. Oft ist in ihnen nach Todesahnung und Todesnähe gesucht worden, die bei den Komponisten der Romantik als Thema allerdings ohnehin präsent und nicht unmittelbar mit dem eigenen Schicksal verknüpft waren. In erster Linie spricht aus den späten Sonaten eine ungeheure Produktivität und große Reife des Ausdrucks. Schubert fand hier zu einer eigenen Tonsprache und verzichtete auf spieltechnische Bravour – was keinesfalls bedeutet, dass diese Sonaten leicht vorzutragen wären, im Gegenteil, sie stellen höchste Anforderungen an das Gestaltungsvermögen des Pianisten. Insbesondere die letzte Sonate in B-Dur D 960 umgibt der Nimbus des Schwanengesangs, dabei entfaltete Schubert darin das ganze Spektrum menschlicher Gefühle und wechselte erstaunlich schnell zwischen tiefem Schmerz und überschäumender Lebensfreude. Bereits 1822 schrieb Schubert in seinem kurzen Prosagedicht „Mein Traum“: „Lieder sang ich nun lange, lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zertheilte mich die Liebe und der Schmerz.“ Der Kopfsatz der B-Dur-Sonate trägt die Tempovorschrift „Molto moderato“, was sehr unterschiedlich ausgelegt werden kann. Ist damit „Allegro molto moderato“ gemeint? Oder gerade nicht „Allegro“? Zu Beginn schreitet ein lyrisches Thema voran, breit strömend, friedlich und kontemplativ. Doch bereits im achten Takt wird es von einem rätselhaften Bass-Triller unterbrochen. Dieser Triller ist vielleicht der am häufigsten diskutierte Triller der Musikgeschichte. Er hat keine dekorative Funktion, sondern bringt etwas Bedrohliches, Unheimliches und Schicksalhaftes ins Spiel und erinnert an einen leisen Paukenwirbel, wie Schubert ihn im Credo seiner Großen Messe Es-Dur in Erscheinung treten ließ – jener Messe, die er im Sommer seines letzten Lebensjahres, also etwa zur gleichen Zeit wie die letzten Klaviersonaten, komponierte. Alfred Brendel sah in diesem Triller „die Öffnung einer dritten Dimension, in die wir ahnungsvoll hineinhorchen.“ Nach dem Triller hebt das Thema erneut an, schwingt weit aus – und wird erneut von dem Triller unterbrochen. Danach erlebt der Zuhörer ein zauberhaftes zweites Thema im Pianissimo, ein drittes Thema von tänzerischer Leichtigkeit und eine weit sich entspinnende Exposition. An deren Ende erklingt erneut der Bass-Triller, dieses Mal in dämonischem Fortissimo. Anders als im klassischen Sonatensatz werden die Themen in der Durchführung nicht analysiert und zerlegt, sondern Schubert spann die Motive immer weiter fort, dabei hatte er offensichtlich Freude am Spiel mit den enharmonischen Verwechslungen. Dieser epische erste Satz dauert fast zwanzig Minuten. Am Schluss erscheint noch einmal der geheimnisvolle Bass-Triller, bevor der Satz versöhnlich endet. Robert Schumann beschrieb den Kopfsatz in seiner Rezension aus dem Jahr 1838: „Als könne es gar kein Ende haben, nie verlegen um die Folge, immer musikalisch und gesangreich rieselt es von Seite zu Seite weiter, hier und da durch einzelne heftigere Regungen unterbrochen, die sich aber schnell wieder beruhigen.“ Im folgenden dreiteiligen Andante sostenuto wird das Zeitempfinden der Zuhörer aufgehoben. Der Mittelteil ist kontrastierend und leidenschaftlich, dann setzt nach einer Generalpause der erste Teil wieder ein und verklingt in einer extrem leisen Coda im dreifachen Pianissimo. Leichtfüßig ist das Scherzo mit der Spielanweisung „con delicatezza“; es steckt mit einem Rollenwechsel zwischen rechter und linker Hand voller Überraschungen. Erstaunlich sind die abenteuerlichen Modulationen, vor allem im kurzen, versonnenen Trio. Das Rondo-Finale wartet mit trällernden Melodien auf und endet in großer Lebensfreude – man kann tatsächlich kaum glauben, dass dies die letzte Klaviermusik aus der Feder Schuberts ist. Aus dem frischen Hauptthema spricht die reine Lust am Musizieren, die Robert Schumann zu folgender Äußerung veranlasste: „Wohlgemuth und leicht und freundlich schließt er denn auch als könne er Tages darauf wieder von neuem beginnen.“ Wie es tatsächlich in ihm aussah in den letzten, so ungeheuer produktiven Lebensmonaten, die aber wahrscheinlich auch bereits durch körperliche Leiden überschattet waren, wusste nur Schubert allein.

Dorle Ellmers

Wir danken unseren Donatoren

Newsletter Anmeldung

Neuigkeiten zum Programm, zu einzelnen Konzerten, zu Festival-CDs oder allgemeine Infos vom Klavier-Festival Ruhr erhalten Sie schnell und direkt mit unserem Newsletter.

Abonnieren Sie den Newsletter

Social Media

Verfolgen Sie die Aktivitäten, Tipps und Neuigkeiten rund um das Festival und seine Künstler auch im Social Network.
Wir freuen uns auf Sie!

Facebook Twitter YouTube

Das Programm zum Blättern

Damit Sie auch in diesem Jahr unser Gesamtprogramm online bequem durchblättern können, klicken Sie bitte auf den nachfolgenden Link.

Gesamtprogramm

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr  |  Alfred Herrhausen Haus  |  Brunnenstraße 8  |  45128 Essen

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen

Kontakt

oneSheet Kontakt
Kontaktformular

Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen
Tel. +49 (0)201-89 66 80

Sie können uns Ihre Anfrage gerne per Kontaktformular senden.
Datenschutzerklärung   *
zukünftige Werbung:   
Ich bin damit einverstanden, dass das Klavier-Festival Ruhr Sponsoring und Service GmbH, Brunnenstraße 8, 45128 Essen, meine Daten auch verwendet, um mich künftig per E-Mail über Veranstaltungen des Klavier-Festivals Ruhr zu informieren. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z. B. per Brief an die o.g. Anschrift oder per E-Mail an info@klavierfestival.de oder telefonisch unter T. 0201/896680, ohne dass mir hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen.
Tragen Sie hier bitte das Ergebnis der Rechenaufgabe ein!
captcha

Für eine Programmbestellung benötigen wir - neben den Pflichtfeldern (*) - auch Ihren Wohnort mit Straße, Ort und Länderangabe.