Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2016 Ausgewähltes Konzert
lundi | 02. mai 2016 | 20:00 Uhr
Essen | Philharmonie Essen | Alfried Krupp Saal
Preis: € 75 | 65 | 55 | 45 | 25 | Stehplatz € 12
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Marc-André Hamelin
Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2013
Werkeinführung

„Meine Phantasie spielt auf mir, als wäre ich ein Clavier, ich bin wirklich wie ein lebendes Clavier“, so beschrieb Joseph Haydn den Prozess des Komponierens gegenüber seinem Freund und Biografen, dem Maler Albert Christoph Dies. 62 Klaviersonaten schuf Haydn, die den Entwicklungsverlauf der Sonate von C. P. E. Bach über Mozart bis zum frühen Beethoven nachzeichnen. In erster Linie spiegeln diese abwechslungsreichen Kompositionen aber Haydns ureigenen Erfindungsreichtum, seine Originalität und eine Heiterkeit, die wir heute als typisch Haydnsch empfinden, eine Heiterkeit, die niemals oberflächlich ist und sich oft von der Folie eines tiefen Ernstes abhebt.

Die letzten drei Klaviersonaten, zu denen auch die Sonate in Es-Dur Hob. XVI:52 gehört, schrieb Haydn 1794/95 während seiner zweiten Londoner Reise. Sie sind auf die modernen größeren und klangvolleren englischen Hammerflügel zugeschnitten und schöpfen deren klangliche Möglichkeiten aus. Widmungsträgerin ist die Pianistin Therese Jansen-Bartolozzi: 1770 in Aachen geboren, kam die junge Dame nach London,  wurde dort die begabteste Schülerin Muzio Clementis und lernte Haydn kennen. Der gab ihr einen Ehrenplatz in seinem Verzeichnis hervorragender Pianisten, das er in seinem Londoner Notizbuch anlegte, und war bei ihrer Hochzeit 1795 Trauzeuge. „A new grand Sonata for the Pianoforte composed expressly for Mrs. Bartolozzi by Haydn“ – Eine große Sonate für das Pianoforte, ausdrücklich komponiert für Mrs. Bartolozzi von Haydn – so lautet der Titel der Londoner Originalausgabe. Entsprechend virtuos hat Haydn diese Sonate angelegt mit vollgriffigen Akkorden, Laufkaskaden und Verzierungen, die das Werk fast in die Nähe eines Capriccios rücken. Der heroisch wirkende Kopfsatz der Sonate beeindruckt mit seiner Akkordfülle und abenteuerlichen Modulationen in der Durchführung.

Zu den melodisch schönsten Sätzen Haydns gehört das Adagio, ein schwereloser Ruhepol zwischen  den beiden turbulenten Ecksätzen. In seinem Moll-Mittelteil begegnet man der nachdenklichen Seite Haydns. Ein temperamentvoller Kehraus ist das Presto-Finale im 2/4-Takt mit überraschenden harmonischen Wendungen. Mrs. Jansen-Bartolozzi hätte sich kein schöneres Geschenk und kein größeres Kompliment für ihr Talent wünschen können.


Der Name Ferruccio Busoni wurde bis weit in die 1980er Jahre vor allem mit seinen kongenialen Bach-Bearbeitungen in Verbindung gebracht. Doch Busoni – 1866 als Sohn eines Klarinettisten und einer Pianistin in Florenz geboren – war weit mehr als das. Zunächst galt er als Wunderkind, das mit sieben Jahren konzertierte und schon eigene Kompositionen schrieb. Seine erste Veröffentlichung kam heraus, als er zehn Jahre alt war. Mit 15 schloss er ein privates Kompositionsstudium in Graz ab und nur zwei Jahre später begann er Rezensionen und Zeitungsartikel zu verfassen.

Als angesehener Klavierpädagoge arbeitete er in Helsinki, Moskau und Boston. Kurzzeitig lebte er als freischaffender Pianist in den USA und ließ sich dann 1894 in Berlin nieder, wo er bald als einer der angesehensten Pianisten seiner Zeit gefeiert wurde. Vor allem setzte er sich für Bach, Beethoven, Chopin, Liszt aber auch für unbekanntere Tonmeister wie Charles Valentin Alkan ein.

Kurt Weill war einer der bekannteren Zöglinge, die seine Kompositionsmeisterkurse besuchten. Sein Haus war Treffpunkt für Musiker und Intellektuelle verschiedenster Kunstformen, die alle den Austausch über Kunst und Kultur und vor allem anregende Gespräche schätzten. Über 300 Originalwerke und 115 Kadenzen, Bearbeitungen und Ausgaben beinhaltet sein Werkverzeichnis. Als Meister der Transkription geriet sein eigenes Schaffen lange in den Hintergrund. Bis heute sind seine Instrumentalwerke (über die Klavierliteratur hinaus), seine Opern und Kammermusikstücke kaum bekannt.

Es verwundert nicht, dass Marc-André Hamelin – selbst sowohl Pianist als auch Komponist – sich immer wieder für sein Werk eingesetzt hat. Busonis letztes Meisterwerk „Doktor Faustus“, eine seiner vier Opern, fasst viele Aspekte seiner kompositorischen Arbeit zusammen. Wie hier finden sich auch in Busonis Sonatina seconda aus dem Jahr 1912 seltsam okkultistisch anmutende Klänge. Das Stück hat weder Vorzeichen noch Taktstriche und endet mit einer Passage, in der die dissonantesten Akkorde vorkommen. Ungewöhnlich für die damalige Zeit war dieses Stück „senza tonalità“, wie Busoni erklärte und ist auch heute für unsere Ohren noch ein ungewöhnliches, beeindruckendes und überraschendes Werk.

Einen ähnlichen Lebenslauf wie Ferruccio Busoni hatte sein Zeitgenosse Samuil Feinberg. Doch während Busoni zwischen Italien, der Schweiz und Berlin pendelte, beschränkte sich der Wirkungskreis des in Odessa geborenen Musikers hauptsächlich auf das Moskauer Konservatorium. Mit 28 Jahren nahm er dort einen Lehrstuhl an, den er bis zu seinem Tod innehaben sollte.

Auch er war ein Pianist, der zwischen der Aufführung bekannter Werke von Bach, Beethoven und Chopin und der Komposition und Aufführung eigener Werke hin- und hergerissen war. Transkriptionen für sein Instrument nehmen in seinem Schaffen einen wichtigen Teil ein: Feinberg bearbeitete eine Reihe weniger bekannter Stücke von Frescobaldi, Corelli und Locatelli. Seine Bach-Transkriptionen – vor allem seine äußerst virtuose Version des Orgelvorspiels und der Fuge in e-Moll – konkurrieren mit denen Busonis. Besonders extravagant ist seine Bearbeitung des Bach-Chorals „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“ BWV 650. Als Pianist galt seine Interpretation des „Wohltemperierten Klaviers“ lange Zeit als Referenzaufnahme.

Und seine eigenen Werke? Allein zwischen 1915 und 1960 komponierte er 12 Klaviersonaten, wie auch zahlreiche kürzere Solowerke, Lieder und Klavierkonzerte. Seine Sonaten zeigen eine stringente kompositorische Entwicklung. Die ersten beiden Sonaten in A-Dur und a-Moll entstanden 1915 / 16 und sind noch als Frühwerke zu bezeichnen. Feinberg liebte es zu improvisieren. Erst auf Anraten seines Vaters hielt er seine ersten Kompositionsversuche auch auf dem Notenpapier fest. Die russischen Komponisten, allen voran Alexander Skrjabin, beeindruckten ihn und forderten ihn auch als Pianist heraus. Anklänge an dieses Vorbild, ebenso wie seine Lust am Improvisieren sind immer wieder in Feinbergs Musik zu hören. Die ersten beiden Sonaten zeigen einen harmonischen Reichtum, lyrische Melodien aber auch eine ganz charakteristische Pianistik. Die Feinheit der Textur kombinierte er auf eine eigentümliche Weise mit einer Dichte des Ausdrucks.


Im Sommer 1853 brach Johannes Brahms zu einer Reise am Rhein entlang auf. Ganz ungezwungen wollte er zu Fuß von Mainz nach Düsseldorf gehen. Er besuchte Freunde und Ausflüge führten ins Ahrtal, zu den Lavagruben in Nieder-Mendig und an den Laacher See. Von seinen Eindrücken berichtete er seinem Freund Joseph Joachim in Briefen, die er teilweise auf dem Rheindampfer schrieb. Nichts deutete zunächst darauf hin, dass er gegen Ende der Reise nicht mehr ein unbekannter 20-jähriger Musiker auf Wanderschaft, sondern ein gefragter Komponist sein sollte.

Ende September empfing ihn das Ehepaar Schumann in Düsseldorf. Was als kurzer Abstecher geplant war, wurde schließlich ein fünfwöchiger Aufenthalt. Robert Schumann stellte hier die Weichen für die Karriere seines jungen Kollegen. Nachdem er einige Werke gehört hatte, schrieb er euphorisch am 25. Oktober 1853 in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ seinen Artikel „Neue Bahnen“. Der Artikel ist ein einzigartiges Zeugnis für die große Bewunderung, die Schumann dem jungen Kollegen entgegenbrachte: „… ein junges Blut, an dessen Wiege Helden und Grazien Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Hamburg, dort in dunkler Stille schaffend (…). Er trug, auch im Äußeren, alle Anzeichen an sich, die uns ankündigten: das ist ein Berufener. Am Klavier sitzend fing er an, wunderbare Regionen zu enthüllen. Wir wurden in immer zauberischere Kreise hineingezogen.“

Schumann schaffte es auch, wichtige Verleger von Brahms Arbeit zu überzeugen. Der junge Komponist fühlte sich überfordert von dem „so ernstlichen und dringlichen“ Vorantreiben, sodass ihm ganz „schwindelig“ wurde. Mit nur wenigen Tagen Vorbereitung schickt er dem Verlag Breitkopf & Härtel ein abwechslungsreiches Programm mit Werken für Klavier und Violine, Lieder und Klavier-Solo-Stücke. In seiner Aufzählung ist das Opus 5 noch mit der verlorenen Violinsonate a-Moll bezeichnet. Doch der Verlag druckte keine „Violinsachen“ und so schickte Brahms Ende Dezember 1853 seine Klaviersonate in f-Moll hinterher. Mitte November hatte er diese noch aus dem Kopf heraus den Schumanns vorgetragen und nach seiner Abreise schnell aufgeschrieben.

Bereits im Februar 1854 erschien sie im Druck und hatte gleich zwei prominente Fürsprecher. Hermann Richter spielte sie in Magdeburg und Clara Schumann das Andante und Scherzo im Leipziger Gewandhaus. Die beiden Sonaten in C-Dur und f-Moll bezeichnete Schumann als „Sonaten, mehr verschleierte Sinfonie“. Geradezu sinfonische Formen haben die Ecksätze. Mit wuchtigen Schlägen beginnt das „Allegro maestoso“, dessen punktierte Vierteltongruppe als wichtigstes Element den ganzen Satz durchziehen. Im Gegensatz dazu erklingt das zarte „Andante espressivo“, dem Brahms eine Gedichtstrophe von C. O. Sternau voranstellt: „Der Abend dämmert, das Mondlicht scheint / Da sind zwei Herzen in Liebe vereint / Und halten sich selig umfangen.“ Das Scherzo „Allegro energico“ nimmt ein Motiv des ersten Satzes wieder auf, dessen energische Stimmung im Trio ruhig und friedlich endet. Das Intermezzo an vierter Stelle greift wiederum ein Thema des Andante auf und wirkt durch die bedrohlichen Trommeleffekte beunruhigend. Dramatisch ist das Finale, wo Brahms in Rondoform die verschiedenen Themen noch einmal Revue passieren lässt. Das rhythmische Thema am Anfang wird durch ein sangliches Seitenthema ergänzt, das dann kanonisch und kontrapunktisch verarbeitet wird. Bei diesem über 30- minütigen Sonaten-Parcours verwundert es nicht, dass Clara Schumann die „schöne Hand“ des jungen Gastes bewunderte, „die mit der größten Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten besiegt“.
Anja Renczikowski

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