Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2016 Ausgewähltes Konzert
Thursday | 09. June 2016 | 20:00 Uhr
Preis: € 40 | 30 | 20
Ausverkauft
Fabian Müller
Werkeinführung

Johannes Brahms wandte sich gegen Ende seines Lebens, nach 13 Jahren Abstinenz noch einmal intensiv der Klaviermusik zu. In den Jahren 1892 und 1893 schuf er insgesamt 20 Miniaturen und fasste sie in vier Zyklen als Opus 116-119 zusammen. Sie können als letzte Monologe eines alternden Komponisten verstanden werden und sind durch eine perfekte Balance zwischen Extrovertiertheit und Introvertiertheit ausgezeichnet. Hinter der schmucklosen, auf alles Überflüssige verzichtenden Schreibweise verbirgt sich ein so meisterhafter Umgang mit dem thematischen Material, dass aus wenigen motivischen Einfällen ganze Stücke entstehen.

Die Sechs Klavierstücke op. 118 entstanden im Sommer 1893 in Bad Ischl und wurden im Januar 1894 in London uraufgeführt. Die beiden eröffnenden Intermezzi könnten unterschiedlicher kaum sein. Während das erste mit seinen energischen Rhythmen und vollgriffigen Akkorden wie ein pathetisches Präludium wirkt, präsentiert sich das zweite als inniges Liebeslied, dessen schlichte Melodie sich im Moll-Mittelteil zu einem leidenschaftlichen Ausbruch steigert. Einen deutlichen Kontrast dazu bildet die herbe Ballade mit ihrem markanten Hauptmotiv und ihrem kraftvollen Klaviersatz. Im darauf folgenden Intermezzo sorgen ein kleingliedriges Thema und ein ungewöhnlich rasches Zeitmaß für eine äußerst erregte Grundstimmung. Die friedliche Romanze ist durch liedhafte Lyrik, anmutige pastorale Klänge und abwechslungsreiche Kolorierungen gekennzeichnet. Als düsteres Tongemälde präsentiert sich das letzte Klavierstück, dessen Hauptmotiv nur aus den vier Noten ges – f – ges – es besteht. Die wehmütigen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten werden durch scharfe Rhythmen und wuchtige Oktaven jäh zunichte gemacht.

Auch Ludwig van Beethoven schrieb eine Reihe von kleineren Klavierstücken, die er in Sammlungen zusammenfasste und als Bagatellen (= Kleinigkeiten) publizierte. Die Bezeichnung taucht im 18. Jahrhundert bereits sporadisch in französischen Werken von Komponisten wie François Couperin auf. Es ist jedoch Beethovens Verdienst, diese musikalische Kleinform berühmt gemacht und ihr ein bleibendes Denkmal gesetzt zu haben. Er schrieb insgesamt 24 solcher Miniaturen (op. 33, 119 & 126), die allenfalls bezüglich ihrer zeitlichen Ausdehnung als „Kleinigkeiten“ bezeichnet werden können, keineswegs aber hinsichtlich ihrer musikalischen Substanz.

Die Sieben Bagatellen op. 33 wurden spätestens 1802 vollendet und ein Jahr später gleichzeitig in Wien und London publiziert. Es handelt sich nicht um einen Zyklus mit einer übergeordneten Idee oder bewussten Tonartenabfolge, sondern um eine locker zusammengestellte Sammlung. Trotzdem gibt es beim formalen Aufbau, den Techniken der Steigerung und dem Umgang mit dem musikalischen Material immer wieder Gemeinsamkeiten. Drei Bagatellen sind durch einen lyrischen Grundton gekennzeichnet, der an Mendelssohns Lieder ohne Worte erinnert und sich zwischen zarter Gefälligkeit (Nr. 1), pastoraler Anmut (Nr. 4) und verhaltener Nachdenklichkeit (Nr. 6) bewegt. Im deutlichen Kontrast dazu stehen drei lebhafte Scherzos (Nr. 2, 5, 7) mit virtuoser Spieltechnik, dynamischen Kontrasten und rhythmischen Raffinessen. Ergänzt wird die Sammlung durch eine weitere Miniatur (Nr. 3), deren Klaviersatz und musikalischer Tonfall an eine Sonatine erinnern.

Nachdem Ferruccio Busoni als junger Künstler und Virtuose sehr intensiv am Klavier experimentiert und Neuerungen erprobt hatte, wandte er sich diesem Instrument nach einer längeren Pause erst im Alter von gut 40 Jahren wieder intensiv zu. Zwischen 1910 und 1920 schrieb er schließlich eine Gruppe von sechs Sonatinen, die verschiedene kompositorische Entwicklungsstufen repräsentieren und zu seinen wichtigsten Schöpfungen gehören.

Für die im Juni und Juli 1912 entstandene Sonatina seconda waren die atonalen Drei Klavierstücke op. 11 von Arnold Schönberg das entscheidende Vorbild. Ihrem Beispiel folgend schuf Busoni eine äußerst zukunftsweisende Musik und wagte sich weit in neue Sphären vor. Er gliederte sein Werk in zwei mehrteilige Sätze und stellte mit der Sekunde ein einziges Intervall in das Zentrum des musikalischen Geschehens. Außerdem entfernte er sich deutlich von der traditionellen Schreibweise, indem er fast durchgängig auf Taktstriche verzichtete und jedes Vorzeichen nur noch für die Note gelten ließ, vor der es unmittelbar stand. Wie im Vorwort zu lesen ist, wünschte Busoni sich vom Pianisten einen „intimen, improvisierten, schwebenden, empfundenen Vortrag“. Da nahezu das gesamte musikalische Material der Sonatina in der 1925 uraufgeführten Oper Doktor Faustus wieder aufgegriffen wird, steht möglicherweise auch sie im Zeichen des faustischen Suchens und der mephistophelischen Dämonie.

Die 1805 vollendete und zwei Jahre später in Wien publizierte Sonate Nr. 23 in f-Moll op. 57 von Ludwig van Beethoven erzielte in der Musikgeschichte eine beispiellose Wirkung. Nach seinem Tod galt sie als „die Sonate schlechthin“ und als Inbegriff romantisch-solistischer Virtuosität. Ihren aussagekräftigen Beinamen „Appassionata“ erhielt sie nicht vom Komponisten selbst, sondern erst 1838 im Zusammenhang mit der Veröffentlichung einer vierhändigen Fassung. Das Werk ist durch einen düsteren Tonfall und gewaltsame, vulkanische Ausbrüche charakterisiert. Der formale Aufbau entspricht weitgehend den Normen und dient als wichtiger stabilisierender Außenhalt für die jeden Rahmen sprengenden Eruptionen im Inneren. Der Eröffnungssatz ist als Sonatenform angelegt und arbeitet mit musikalischen Themen, die aus wenigen charakteristischen Bausteinen abgeleitet und motivisch eng miteinander verknüpft sind. Zu Beginn taucht das Hauptthema wie ein Gespenst aus dem Nichts auf, doch schon bald steigert sich die Musik zu dämonischer Gewalt. Einen deutlichen Kontrast dazu bildet der feierliche, fast religiös anmutende langsame Satz. Seine hymnische Melodie wird in vier Variationen kunstvoll verarbeitet. Abgrundtiefe Finsternis und eine nie erlahmende motivische Bewegung prägen das Finale. Während das erste Thema intensiven Verwandlungen und Fortbildungen unterzogen wird, klingt das zweite Thema nur kurz an, ohne sich durchsetzen zu können. Pessimistisch und unversöhnlich endet die Sonate, die als eines der leidenschaftlichsten und persönlichsten Bekenntnisse Beethovens gilt.
Andrea Susanne Opielka

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