Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2016 Ausgewähltes Konzert
Sunday | 08. May 2016 | 20:00 Uhr
Preis: € 36 | 28 | 18
Ausverkauft
Übergänge: Die Bach-Familie und der Empfindsame Stil 1
Shalev Ad-EL (Cembalo)
Werkeinführung - Die Bach-Familie und der Empfindsame Stil 1

So sah Mitte des 18. Jahrhunderts wohl ein gepflegter Kammermusikabend bei Friedrich II. aus. Die Damen haben ihre schönsten Hauben aufgesetzt. Die prachtvollen Kronleuchter funkeln im Kerzenschein. Und mittendrin: der Hausherr von Sanssouci, wie er gerade seine geliebte Flöte spielt. Jeder hat diese Szene sicherlich schon einmal vor Augen gehabt. Ob im Original, das in der Berliner Nationalgalerie hängt, oder als Reproduktion in den Standardwerken über Friedrich II. 1852 hatte Adolph Menzel diese romantisierende Darstellung vom „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ gemalt. Und obwohl diese Konzert-Soirée seiner Phantasie entsprang, vergaß Menzel nicht, dem musischen Herrscher zwei seiner prominenten Angestellten zur Seite zu stellen. Am Cembalo sitzt Carl Philipp Emanuel Bach, der seit 1738 Mitglied der preußischen Hofkapelle war. In der rechten Bildhälfte ist der damals bedeutende Geiger Franz Benda zu sehen.

Wenn es aber um die größere Bedeutung für die Musikgeschichte geht, hätte eher dessen Bruder Georg Anton Benda auf der Leinwand verewigt werden müssen. Denn nach seinen Jahren als zweiter Violinist der preußischen Hofkapelle (1742 – 1750) sollte er immerhin während seiner Anstellung als Hofkapellmeister in Gotha zum Erfinder des Melodrams werden – dieser Mischgattung von gesprochenem Wort und Musik.

Doch auch sein musikalischer Erfindungsreichtum beeindruckte die Zeitgenossen. Mozart schwärmte von diesem „lutherischen Kapellmeister“. Der Musikchronist Charles Burney empfand Bendas Werke als „neu, meisterhaft und gelehrt“. Und mit Carl Philipp Emanuel Bach verband ihn seit den gemeinsamen Jahren in Sanssouci nicht nur eine lebenslange Freundschaft. Der Bach-Sohn führte später in Hamburg regelmäßig Kantaten von Benda auf. Umgekehrt ist in Bendas vielseitigem Schaffen jene typische Balance aus Empfindsamkeit und Sturm-und- Drang-Furor, aus Anmut und Energie zu finden, die er sich von C. P. E. abgelauscht hat.

Der aus einer böhmischen Musikerdynastie stammende Georg Anton (Jirí Antonín) Benda hat ein beachtliches Schaffen hinterlassen. Dazu gehören 30 Sinfonien, Solo-Konzerte für Violine und Cembalo, Opern sowie Solowerke für Tasteninstrumente. Fast zwanzig Sonaten sind von Benda überliefert, die allesamt dreisätzig sind.

Die heute auf dem Programm stehenden drei Sonaten stammen u. a. aus der Sammlung „Sei Sonate“ (1757) und spiegeln in ihrer Mischung aus Galantem, empfindsam Kantablem und in sich gekehrt Meditativem nicht nur den musikalischen Geschmack jener Zeit wider. Durchaus finden sich in den Sonaten Gedankengänge, die auch einen Joseph Haydn beeindruckt haben müssen. Aber wie meinte ja schon Bendas Zeitgenosse Christian Friedrich Daniel Schubart in seinen „Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst“ (1784): „Auch die Klavierstücke [von Benda] beweisen, dass sein großer Geist in verschiedenen Stilen mit Glück zu arbeiten wusste.“

In jenem Manifest von Schubart findet sich auch ein Blick auf die Rezeption von Carl Philipp Emanuel Bach: „Was man an seinen Werken tadelt, ist eigensinniger Geschmack, oft Bizarrerie, gesuchte Schwierigkeit, eigensinniger Notensatz.“ Trotz solcher kritischer Stimmen war Bach jedoch zu Lebzeiten eine Berühmtheit und zudem um ein Vielfaches populärer als sein Vater. Und seine Bewunderung reichte selbst bis in die höchsten Komponistenkreise. „Er ist der Vater; wir sind die Bub’n“, so Mozart. Beethoven hingegen gestand: „Von Emanuel Bachs Klavierwerken habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künstler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“ Was diese Protagonisten der Wiener Klassik an Bach faszinierte, war eine höchst individuelle Schreibweise, die keinem Schema zu folgen schien. Ständig kommt es zu unerwarteten Überraschungen, Wendungen und Zäsuren. Und nicht zuletzt die zahllosen Stimmungsumschwünge, die etwa innerhalb eines einzigen Sonatensatzes passieren, unterstreichen den Beginn eines Klang-Zeitalters, bei dem die Musik jetzt zum Spiegelbild des subjektiven Empfindens und Erlebens wird.

C. P. E. Bachs Ruhm ging auf seine Claviermusik zurück. Über 300 Solo- Kompositionen für Cembalo, Clavichord und schließlich für das Hammerklavier hat er hinterlassen – darunter mehr als 150 Sonaten. Hinzu kommen sage und schreibe 53 Klavierkonzerte! Ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1788 schrieb Bach die Fantasie fis-Moll Wq. 67, mit der er für die Nachwelt seine allseits bewunderte Improvisationsfähigkeiten in Form gebrachte hatte. Und wie Bach bisweilen alles um sich herum vergaß, wenn er zu einer seiner legendären Improvisationen ansetzte, hat Charles Burney wie folgt beschrieben: „Er spielte fast ohne Unterbrechung bis beinahe 11 Uhr abends. Währenddessen wurde er zunehmend animiert und geradezu besessen, dass er nicht nur inspiriert spielte, sondern auch so aussah. Seine Augen waren fixiert, seine Unterlippe fiel und überschäumende Tropfen bildeten sich auf seinem Antlitz.“

Was die höchste Kunst des Stehgreif-Spiels angeht, war Carl Philipp Emanuels Vater natürlich das Maß aller Dinge. Und mit seinen insgesamt sieben großen Klaviertoccaten gab Johann Sebastian Bach einer mehrteiligen Form den letzten Schliff, die von dem Münchner Hofkapellmeister Johann Kaspar Kerll geprägt worden war. Die mit einer dreistimmigen Fuge gespickte und von einer Doppelfuge abgerundete Toccata d-Moll BWV 913 stammt aus dem Jahr 1706 und damit aus Bachs Arnstädter Zeit, in der er mit seinen furiosen Orgelimprovisationen nicht selten die Kirchengemeinde gegen sich aufgebracht hatte.

Wurde auch diese Toccata für das Cembalo geschrieben, so entstand das wohl um 1740 geschriebene Triptychon „Präludium, Fuge und Allegro“ Es-Dur BWV 998 möglicherweise für ein Instrument, das inzwischen völlig ausgestorben ist. Es ist das sogenannte „Lautencembalo“, das ein mit Darm- und Metallsaiten bespanntes Tasteninstrument war und einen lautenähnlichen Klang besaß. Und wie wir dank des deutschen Komponisten und Bach-Zeitgenossen Johann Friedrich Agricola wissen, fanden sich in Bachs Haushalt gleich zwei solcher Lautenclavicymbels. Heute erfreuen sich die drei Sätze größter Beliebtheit bei Lautenisten und Gitarristen. Doch auch auf einem klassischen Cembalo verfehlen sie keinesfalls ihre Wirkung!
Guido Fischer

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