Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2016 Ausgewähltes Konzert
Donnerstag | 16. Juni 2016 | 19:00 Uhr
Preis: € 36 | 28 | 18
Ausverkauft
Übergänge: Die Bach-Familie und der Empfindsame Stil 2
Jean Rondeau (Cembalo)
Werkeinführung - Die Bach-Familie und der Empfindsame Stil 2

„Wenn es je eine Familie gegeben hat, in welcher eine ausgezeichnete Anlage zu einer und eben derselben Kunst gleichsam erblich zu seyn schien, so war es gewiss die Bachische.“ Mit diesen Worten hatte Bach-Biograph Johann Nikolaus Forkel noch einmal auf eine Musikerdynastie zurückgeblickt, wie sie es in der Musikgeschichte kein zweites Mal gab. Immerhin weist der Stammbaum der Bachs sage und schreibe 77 Musiker auf. Und allein im Geburtsjahr von Johann Sebastian waren acht Familienmitglieder als Organisten, Kantoren und Hofmusiker tätig.

Einer von ihnen war der Onkel Johann Christoph Bach (1642 – 1703), der zunächst in seiner Geburtsstadt Arnstadt und ab 1663 in Eisenach als Organist wirkte. Der bald berühmte Neffe war besonders von seinen Vokalwerken angetan, die er später in Leipzig immer wieder aufführte. Und später lobte auch J. S. Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel den „großen und ausdrückenden“ Komponisten. Als Beleg für dieses Lob eignet sich J. Chr. Bachs Kantaten- Lamento „Ach, dass ich Wassers g’nug hätte“, das Jean Rondeau für Cembalo eingerichtet hat.

Überhaupt bilden Bearbeitungen im ersten Konzertteil durchaus einen Schwerpunkt. So rahmen einzelne, nicht genau datierbare und zum Teil höchst anspruchsvolle Bach-Stücke auch ein wahres Monument der Musikgeschichte ein, das im 19. Jahrhundert in Johannes Brahms seinen wohl größten Bewunderer finden sollte. Es ist die „Chaconne“ aus der Partita Nr. 2 für Violine solo BWV 1004 von Johann Sebastian Bach, die Brahms 1879 für die linke Klavierhand übertrug. In einem Brief an Clara Schumann hat er sich einmal über die Beweggründe geäußert: „Die Chaconne ist mir eines der wunderbarsten, unbegreiflichsten Musikstücke. Auf ein System für ein kleines Instrument schreibt der Mann eine ganze Welt von tiefsten Gedanken und gewaltigsten Empfindungen. […] Nur auf eine Weise, finde ich, schaffe ich mir einen sehr verkleinerten Genuss, aber annähernden und ganz reinen Genuss des Werkes – wenn ich es mit der linken Hand allein spiele.“ Nun spielt Jean Rondeau diese Brahms-Fassung auf dem Cembalo zweihändig und nennt dies eine Transkriptionsübung im Quadrat, bei der Bachs Violine quasi für den Flügel von Brahms und schließlich wieder rückwärts für Bachs Cembalo transkribiert wurde.

Auch die dritte Bearbeitung in dieser Programmhälfte geht auf ein Solo-Violinwerk von Bach zurück und stammt aus der Feder von Bachs erklärtem Lieblingssohn Wilhelm Friedemann Bach. Der Junior hatte das „Adagio“ aus der Violinsonate in C-Dur BWV 1005 für Cembalo eingerichtet. Dieses dramatische und tiefgründige Stück aus Bachs Violin-Solosonate Nr. 3 sollte aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts von einem anderen großen Bach-Jünger mit der heute ebenfalls zu hörenden Fantasie c-Moll BWV 906 kombiniert werden. Es war Ferruccio Busoni, der nicht nur eine dieser Fantasie zur Seite gestellte, aber unvollendet gebliebene Fuge ergänzte. Um diesem Satzpaar Fantasie & Fuge nun eine dreisätzige, sonatenähnliche Form zu geben, wählte Busoni als langsamen Satz besagtes Violin-„Adagio“ aus der Feder W. F. Bachs.

Maßgeblich beteiligt an dem ständig wachsenden Bach-Clan war selbstverständlich Johann Sebastian Bach. So hatte er mit seiner zweiten Gattin Anna Magdalena immerhin 13 Kinder, von denen gleich vier Söhne Karriere machten. Doch nicht zuletzt die Anerkennung, die speziell Carl Philipp Emanuel bis zu seinem Tod genoss, war dem um fast vier Jahre älteren Bruder Wilhelm Friedemann Bach nicht vergönnt. Der älteste, 1710 in Weimar geborene Bach-Sohn wurde vor allem als Organist in Dresden und Halle bewundert. Dennoch stand ihm wohl auch sein streitlustiger Charakter nicht selten im Wege. So musste er sich ab 1764 und bis zum seinem Tod 1784 zwanzig Jahre lang als freischaffender Musiker über Wasser halten – ohne jemals die Aussicht auf eine wohldotierte Festanstellung zu haben.

Den Schwerpunkt in Wilhelm Friedemanns Schaffen bilden Sinfonien, Solo-Konzerte, Kirchenwerke und natürlich auch Kompositionen für Tasteninstrumente. Seine bedeutendste Sammlung bilden zwölf Polonaisen. Darüber hinaus liegen neun dreisätzige Sonaten und zehn Fantasien vor, die ganz dem empfindsamen Stil des 18. Jahrhunderts gehorchen. Und was für ein Ausdrucksmusiker von Gottes Gnaden Wilhelm Friedemann Bach war, belegt der beeindruckende, hochkonzentrierte „Lamento“-Satz aus der Sonate Nr. 1 in G-Dur.

„Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren.“ Auf diesen eigentlich so simplen Nenner hatte auch Carl Philipp Emanuel Bach in seiner „Autobiographie“ sein Ideal von Musik auf den Punkt gebracht. Und diesem so enorm phantasiebegabten Bach-Sprössling gingen nie die Ideen aus, um sein Credo ständig zu untermauern. Ein Großteil seines Schaffens fällt selbstverständlich in jene Zeit, als er Kammercembalist am preußischen Hof war. Ab 1738 verbrachte er dort 30 Jahre, in denen er den Grundstein für ein epochales Clavierschaffen legte. Seine Sonaten, Rondos und Fantasien spickte Bach mit Ausdrucksextremen und Kühnheiten im Harmonischen, die alles konfektioniert Galante und Brillante regelrecht vom Tisch fegten.

Wie sehr Bach damit viele seiner Zeitgenossen irritierte, ist einer Äußerung des Musikschriftstellers Christian Friedrich Daniel Schubart aus dem Jahr 1784 zu entnehmen: „Was man an seinen Werken tadelt, ist eigensinniger Geschmack, oft Bizarrerie, gesuchte Schwierigkeit, eigensinniger Notensatz.“ Trotz solcher kritischer Stimmen war Bach zu Lebzeiten eine Berühmtheit und zudem um ein Vielfaches populärer als sein Vater. Und seine Bewunderung reichte selbst bis in die höchsten Komponistenkreise. „Er ist der Vater; wir sind die Bub’n. Wer von uns was Rechts kann, hat von ihm gelernt“, meinte Mozart. Und auch von Beethoven ist ein Ritterschlag überliefert: „Von Emanuel Bachs Klavierwerken habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künstler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“

Über 300 Solo-Werke für Cembalo, Clavichord und schließlich für das Hammerklavier hat Bach geschrieben – darunter mehr als 150 Sonaten. Zu diesem Sonatenkonvolut gehören die zwischen 1740 und 1742 entstandenen sechs „Preußischen Sonaten“ Wq. 48, aus denen nun das „Adagio“ aus der Sonate Nr. 6 in A-Dur zu hören ist. Und ebenfalls in den sechs „Württembergischen Sonaten“ Wq. 49, die zwischen 1742 und 1744 komponiert wurden und dem Herzog Karl Eugen von Württemberg gewidmet sind, ist es Bach auf seine unnachahmliche Weise gelungen, das Anrührende mit dem spieltechnisch Anspruchsvollen zu verbinden.
Guido Fischer

Newsletter Anmeldung

Neuigkeiten zum Programm, zu einzelnen Konzerten, zu Festival-CDs oder allgemeine Infos vom Klavier-Festival Ruhr erhalten Sie schnell und direkt mit unserem Newsletter.

Abonnieren Sie den Newsletter

Social Media

Verfolgen Sie die Aktivitäten, Tipps und Neuigkeiten rund um das Festival und seine Künstler auch im Social Network.
Wir freuen uns auf Sie!

Facebook Twitter YouTube

Das Programm zum Blättern

Damit Sie auch in diesem Jahr unser Gesamtprogramm online bequem durchblättern können, klicken Sie bitte auf den nachfolgenden Link.

Gesamtprogramm

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr  |  Alfred Herrhausen Haus  |  Brunnenstraße 8  |  45128 Essen

© 2019 Stiftung Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen

Kontakt

oneSheet Kontakt
Kontaktformular

Klavier-Festival Ruhr
Alfred Herrhausen Haus
Brunnenstraße 8
45128 Essen
Tel. +49 (0)201-89 66 80

Sie können uns Ihre Anfrage gerne per Kontaktformular senden.
Datenschutzerklärung   *
zukünftige Werbung:   
Ich bin damit einverstanden, dass das Klavier-Festival Ruhr Sponsoring und Service GmbH, Brunnenstraße 8, 45128 Essen, meine Daten auch verwendet, um mich künftig per E-Mail über Veranstaltungen des Klavier-Festivals Ruhr zu informieren. Meine Einwilligung kann ich jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z. B. per Brief an die o.g. Anschrift oder per E-Mail an info@klavierfestival.de oder telefonisch unter T. 0201/896680, ohne dass mir hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen.
Tragen Sie hier bitte das Ergebnis der Rechenaufgabe ein!
captcha

Für eine Programmbestellung benötigen wir - neben den Pflichtfeldern (*) - auch Ihren Wohnort mit Straße, Ort und Länderangabe.