Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2016 Ausgewähltes Konzert
Dienstag | 19. April 2016 | 20:00 Uhr
Essen | Philharmonie Essen | Alfried Krupp Saal
Preis: € 135 | 120 | 95 | 75 | 40 (keine Ermäßigungen und Rabatte)
Ausverkauft

Schon seit 17. November 2015 im Frühbucher-Angebot

Lang Lang
Lang Lang reiste mit einem Koffer voller Gefühle an  

(Ruhr Nachrichten, Julia Gaß, 21.04.2016)
Besonders vielseitig möchte sich Lang Lang dem Publikum in der Region wohl nicht vorstellen: Bei seinem Auftritt beim Klavier-Festival Ruhr am Dienstag in der Philharmonie Essen spielte der 33 Jahre junge...

 

(Ruhr Nachrichten, Julia Gaß, 21.04.2016)
Besonders vielseitig möchte sich Lang Lang dem Publikum in der Region wohl nicht vorstellen: Bei seinem Auftritt beim Klavier-Festival Ruhr am Dienstag in der Philharmonie Essen spielte der 33 Jahre junge Superstar aus China exakt dasselbe Programm, das er bei seinem letzten Auftritt im Ruhrgebiet, im November 2014, im Konzerthaus Dortmund präsentiert hatte. Sei's drum: Das Publikum im ausverkauften Saal (mit 60 Bühnen-Plätzen) war aus dem Häuschen.

Lang Lang ist inzwischen mehr als der rasende Virtuose und Idealinterpret von Rachmaninow. Aus dem Wunderkind ist ein Pianist geworden, der nach Tiefe und Gehalt sucht und einen Koffer voller Gefühle neben den Flügel stellt. In Tschaikowskys "Jahreszeiten" machte er die Szene "Am Kamin" zur seelenwärmenden Träumerei, tupfte die "Schneeglöckchen" zart wie Blütenstaub auf die Tasten und spielte das "Herbstlied" mit den Fingerspitzen.

70-Millionen-Dollar-Finger

Lang Lang zelebrierte diese Musik - den ganz großen Spannungsbogen spannte er noch nicht über die Folge der zwölf Charakterstücke. Das Publikum ist aber ohnehin mehr fasziniert vom Supervirtuosen, bei dem alles so kinderleicht aussieht und klingt.

Da flogen die angeblich mit 70 Millionen Dollar versicherten Finger in den vier Scherzi von Chopin über die Tasten. Sehr sportlich nahm der Ausnahmepianist im zweiten und dritten Scherzo alle technischen Hürden, brachte Chopins Musik zum Glitzern und Rasen.

Überschwang und Spielfreude
Schon Bachs "Italienisches Konzert" zuvor faszinierte durch den Überschwang und die große Spiellust des Chinesen. Und zwischen die rauschenden Ecksätze hatte Lang Lang ein tief romantisches Andante gestellt. Überraschen kann Lang Lang ja doch noch.

 
Die tückische Magie des Augenblicks  

(Online Musik Magazin, Stefan Schmöe, 20.04.2016)
Mit nonchalanter Beiläufigkeit schleicht er sich in das moderato semplice hinein, mit wie improvisierter Leichtigkeit, ein wenig verträumt und melancholisch. Jeder Takt hat seine eigene kleine...

 

(Online Musik Magazin, Stefan Schmöe, 20.04.2016)
Mit nonchalanter Beiläufigkeit schleicht er sich in das moderato semplice hinein, mit wie improvisierter Leichtigkeit, ein wenig verträumt und melancholisch. Jeder Takt hat seine eigene kleine Entwicklung, Crescendo und sofort Decrescendo, alles sehr intim. Peter Tschaikowskys Zyklus Die Jahreszeiten von 1876, zwölf Charakterstücke zu den zwölf Monaten, ist nicht gerade ein Bravourstück für Virtuosen, und Lang Lang huldigt hier der feinen Poesie: Ein Nachträumen flüchtiger Stimmungen. Mit seiner ungeheuer differenzierten Anschlagskultur lässt er jeden Ton ein wenig anders klingen, setzt er Ober- gegen Unterstimmen klanglich fein ab, schafft auf kleinstem Raum musikalische Entwicklungen. Man kann von einer Magie des Augenblicks sprechen, in der sich diese Miniaturen entwickeln.

Lang Lang kann alles, zeigt alles, entlockt dem Steinway eine große Palette an Klangfarben. Aber so beeindruckend diese alles andere als unterkühlte, ja: romantisch schwelgende Technik ist - in der Summe fehlt da etwas. Die schönen Momente fügen sich nicht zu einem Spannungsbogen, bleiben für sich stehen und setzen keine Entwicklung in Gang. Es bleibt beim schönen Moment, auf den der nächste noch schönere Moment folgt, bis man leicht schläfrig wird vor lauter schönen Momenten. Und es mag subjektives Empfinden sein, aber bei mir blieb ein vages Gefühl, dass die Tempi nicht stimmen. Das soll nicht heißen, dass es so etwas wie das absolut richtige Tempo gibt; vielmehr folgt dieses aus der Art der Phrasierung im Kleinen (oder sollte es tun). Aber Lang Lang leitet hier eine Steigerung ein, mit der das Tempo anziehen sollte, statt dessen aber behäbig auf der Stelle tritt, oder eine verhangen sehnsüchtig gespielte Wendung fordert ein Innehalten, über die er dann hinweg spielt.

Ähnlich der Eindruck bei Frederic Chopins vier Scherzi. Im Gegensatz zu Tschaikowskys Charakterstücken sind das ja virtuose Schlachtrösser für Tastenlöwen, und Lang Lang bleibt technisch nichts schuldig. Sein Spiel hat keine demonstrativ auftrumpfende Virtuosität, eher elegante Leichtigkeit (dabei verträgt diese Musik es ja durchaus gut, wenn man die technischen Schwierigkeiten auch heraushört), aber auch hier hemmt die Kleinteiligkeit den großen architektonischen Aufbau. Einzelne Abschnitte - oder auch nur Motive - stehen beziehungslos nebeneinander, der Musik fehlt das Ziel. Natürlich gibt es immer wieder schöne Passagen, aber in diesen Werken müsste eben doch ein größerer, gewichtigerer Spannungsbogen erkennbar sein, der die Abschnitte aufeinander bezieht (und nicht nur nebeneinander stellt), Verbindungen oder auch Gegensätze herausstellt, und das fehlt. Und das Abgründige etwa am Beginn des b-Moll-Scherzos, der fahle Klang der Triolenfigur sotto voce, die Gravität der folgenden ff-Akkorde, das bleibt unterbelichtet - bei Lang Lang sind das nicht mehr als interessante, aber nicht existenzielle, vielmehr irgendwie dekorative Stationen auf dem Weg zur ersten Kantilene.

Zwischen Tschaikowsky und Chopin hatte sich irgendwie Bachs Italienisches Konzert verirrt. Die Diskussion, wie "romantisch" man Bach spielen darf, sei dahingestellt; mit viel Pedal und starken Kontrasten wird Lang Lang sicher nicht zu den Puristen gezählt werden wollen. Verschiedene Stimmen sind klar und durchaus "barock" gegeneinander abgesetzt, haben - auch da ist die Anschlagskultur wieder bewundernswert - unterschiedliche, leuchtende Klangfarben. Die schnellen Noten dazwischen aber verschmelzen zu sehr zu bloßem Füllmaterial, da geht die Bach'sche Klarheit verloren - und im flotten Tempo des ersten Satzes auch die Wichtigkeit, die dieser Komponist doch jeder einzelnen Note beigegeben hat.

An stehende Ovationen, die es auch nach diesem Konzert gab, ist der Pianist gewöhnt, auf mehr als eine Zugabe ließ er sich dennoch nicht ein (sehr hartnäckig wurde das freilich auch nicht eingefordert). Franz Liszts gerne und viel gespielter Liebestraum Nr. 3 war da eine alles andere als originelle Wahl - und wurde doch zum musikalischen Höhepunkt des Abends: Da verschmolzen auf einmal Anschlag, Farbwerte, Phrasierung zu einem in sich schlüssigen Ganzen, das auf etwas hinzielte und wirklich in den Bann zog. Ein sehr kurzer Moment des Klavierglücks.

 

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