mercredi | 10. mai 2017 | 20:00 Uhr
The Americas: Thoughts About The Piano
Tamara Stefanovich
Stipendiatin des Klavier-Festivals Ruhr 2003
Werkeinführung

Um ein Spiel mit den vertrauten Ausdruckeigenschaften des Klaviers geht es in dem neuen Stück Frames, das Vassos Nicolaou im Auftrag des Klavier-Festivals Ruhr für Tamara Stefanovich und Pierre-Laurent Aimard komponiert hat. Mit diesem Werk gratuliert er gleichzeitig den Künstlern zu ihrer Hochzeit! In „Frames“ (Rahmen) beleuchtet der in Zypern geborene, u.a. von York Höller und Marco Stroppa ausgebildete Vassos Nicolaou die Diskontinuitäten und Vielschichtigkeiten des Klavierklangs. Eingebettet bzw. eingerahmt in einen mysteriösen Klang kommt es immer wieder zu blitzlichtartig gesetzten Ereignissen, Noten, Intervallen und Akkorden, die die Erwartungen und Hörgewohnheiten des Klavierspiels aufbrechen. Und wie Vassos Nicolaou betont, ist gerade das vierhändige Gespann Stefanovich / Aimard auch für die rhythmische Komplexität von Frames „einfach ideal“.

Der New Yorker Aaron Copland hatte später erstaunlicherweise ein eher gespanntes Verhältnis zu den erfolgreichen und damit finanziell einträglichen Werken, die er bis 1950 komponiert hatte. Dazu gehörten etwa die Ballettmusik „Appalachian Spring“ und die „Fanfare for the Common Man“ von 1942, die Jahrzehnte später sogar von der Rockband Emerson, Lake & Palmer gecovert und damit endgültig zum Welthit gemacht wurde. Stolz zeigte sich Copland dagegen, wenn man ihn auf seine frühen Klavierkompositionen ansprach, und besonders die Piano Variations (1930) zählte er zu seinen besten Klavierstücken. Welchen durchaus gewagten Weg er damit auf den schwarzen und weißen Tasten beschritten hatte, sollte auch sein enger Freund und Fan Leonard Bernstein erkennen, der das Werk während seiner Studentenzeit einstudierte: „Eine neue Welt der Musik hatte sich mir mit diesem Werk eröffnet – es klang extrem, prophetisch, klirrend, grell dissonant, berauschend.“ Im Konzertsaal ziehen die Variationen sofort alle Aufmerksamkeit auf sich – angesichts ihrer nicht ablassenden Spannung und Perkussivität, mit der das im Ausgangsthema auftauchende Vierton-Motiv insgesamt zwanzig Mal variiert wird.

Elliott Carter hat uns so verlassen, wie wir ihn immer kannten - friedlich und diskret. Wir werden uns immer an sein Lächeln, seine Lebensfreude und seinen Sinn für Humor erinnern. Er war und wird immer ein Komponist der Fantasie und Struktur bleiben; einer, der immer Neues erfand und sich doch stets treu blieb.“ Mit diesen Worten hat sich der Pianist Pierre-Laurent Aimard 2012 von einem seiner engsten Komponistenfreunde verabschiedet. Am 5. November 2012 war Carter in seiner Geburtsstadt New York im Alter von 103 Jahren verstorben. Und bis zuletzt saß diese Jahrhundertfigur der Neuen Musik unermüdlich über dem Notenpapier. Dass Carter aber überhaupt Komponist geworden ist, verdankte sich auch seiner Bekanntschaft mit Charles Ives, den er bereits im Alter von 16 Jahren getroffen hatte. Ives war vom Talent des jungen Mannes ungemein angetan. „Obwohl Ives selber als Komponist harte Zeiten durchleben musste“, so Carter später, „spornte er mich an, mich fortan der Musik zu widmen.“
Hinter Carters Tri-Tribute (2007-2008) verbirgt sich, wie der Titel schon andeutet, eine gleich dreifache Hommage. Alle drei Sätze sind als kleine Geschenke für die Verwandten des amerikanischen Dirigenten James Levine gedacht, der Carter 2008 in der New Yorker Carnegie Hall mit einem großen Festkonzert zum 100. Geburtstag gratuliert hat. „Sistribute“ ist für Levines Schwester und „Fratribute“ für dessen Bruder geschrieben (beide Stücke wurden 2009 von Aimard beim englischen Aldeburgh Festival uraufgeführt). Das für Levines Mutter geschriebene „Matribute“ hob der Sohn hingegen 2007 in Luzern aus der Taufe.
Mit den Two Thoughts about Piano verschob Carter die Grenzen des Klavierspiels noch einmal. Der Titel des ersten Stücks „Intermittences“ (2005) geht auf eine Romanpassage aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zurück. Zwischen heftigen Akkorden und Klangwogen stellen sich immer wieder Pausen als Erinnerungsinseln ein. Das für Aimard geschriebene Stück „Caténaires“ (2006) kommt hingegen mit seinen nonstop dahinrasenden Sechzehnteln einem Perpetuum mobile gleich.

Der aus Danbury / Connecticut stammende Charles Ives, der im Hauptberuf Teilhaber einer Versicherungsgesellschaft war, gilt längst als einer der eigenwilligsten Väter der amerikanischen Musik. Wer den Klangabenteurer Ives exemplarisch kennenlernen will, kommt an seinen beiden großdimensionierten und spieltechnisch extrem schweren Klaviersonaten nicht vorbei. Heutzutage ist die 2. Sonate „Concord, Mass. 1840-60“ öfter zu erleben. Dabei muss sich die Piano Sonata No. 1 vor dem Geschwisterwerk überhaupt nicht verstecken. Denn was die für Ives typische musiksprachliche Vielschichtigkeit angeht, die von Ragtime-Rhythmen bis hin zu Kirchenhymnen und Songs reicht, hat der Komponist erneut einen riesigen Kosmos abseits aller Traditionen und Konventionen geschaffen. Von 1901 bis 1909 und erneut zwischen 1914 und 1717 hatte Ives an der fünfsätzigen, so zerklüfteten wie hintersinnig-humorvollen Sonate gearbeitet. Erst 1949 wurde das Werk von dem amerikanischen Pianisten William Masselos in New York uraufgeführt. Welch kolossales, unendlich facettenreiches Opus Ives damit gelungen war, brachte Masselos auf den Punkt, als er von der Sonate als einer inspirierten Improvisation sprach – „weshalb ich niemals voraussagen könnte, wie ich sie an einem anderen Abend spielen würde“.

Guido Fischer

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