Thursday | 22. June 2017 | 20:00 Uhr

Restkarten sind an der Abendkasse erhältlich!

Besetzungs- und Programmänderung!
Denis Kozhukhin

Wir bitten um Verständnis für die aufgrund der Erkrankung von Alexander Krichel kurzfristig notwendig gewordene Umbesetzung und Programmänderung des heutigen Konzerts und danken Denis Kozhukhin für dessen Rettung.

Werkeinführung

Schon 1901 hatte Maurice Ravel mit seinem Klavierstück „Jeux d´eau“ (Wasserspiele) sich mit jenem magischen Klangfarbenspektrum beschäftigt, das als musikalischer Impressionismus in die Musikgeschichtsbücher eingegangen ist. Drei Jahre später ließ er mit „Miroirs“ einen Zyklus folgen, in dem er erneut seine raffinierte Gestaltungskunst von Wasserspielen unter Beweis stellte, und zwar in dem Stück „Une barque sur l'océan“. Von den fünf impressionistischen Natur- und Stimmungsbildern, die allesamt befreundeten Dichtern und Musikern gewidmet sind, empfand Ravel das zweite, die „Oiseaux tristes“, als das charakteristischste. „Das sind Vögel, verloren in der Betäubung eines sehr dunklen Waldes während der heißesten Stunden des Sommers.“ Aus dieser in ein faszinierendes Halbdunkel getauchten Stimmung scheint man so manche Vogelstimmen herauszuhören (immerhin war Ravel ein begeisterter Vogel- und Tierstimmenimitator). Trotzdem ist er hier mit der Lautmalerei nicht so weit gegangen wie beispielsweise sein Landsmann Olivier Messiaen, der in seinen Klavierwerken die unterschiedlichsten gefiederten Sänger verewigte. Vielmehr besitzen die „Trauernden Vögel“ eine eher suggestive, an die Phantasie des Hörers appellierende Kraft. „Nicht die Sache abbilden, sondern die Wirkung, die sie ausübt“ – diese vom französischen Dichter Stéphane Mallarmé formulierte Forderung könnte quasi die Hör-Anleitung für die „Miroirs“ sein. Von scheinbar spukhaft umherschwirrenden „Nachtfaltern“ („Noctuelles“) über das iberisch angehauchte „Morgenständchen des Spaßmachers“ (Alborada del Gracioso“) bis zum regelrecht Lisztschen „Tal der Glocken“ („La vallée des cloches“) spannt Ravel den Bogen. Und auch wenn man tatsächlich glauben könnte, dass man bei „Une barque sur l´océan“ dabei zuhört, wie ein Schiff über den Ozean gleitet und in so manchen Sturm gerät, lädt auch dieses Stück in eine eigene Klangzauberwelt ein.

In ganz andere, auch dämonische Sphären taucht man mit Ravels „Gaspard de la nuit“ ein. Inspirationsquell für diesen 1908 komponierten dreisätzigen Reigen bildeten drei Gedichte des französischen Romantikers Aloysius Bertrand, der sich in diesen Phantasiestücken als begeisterter Leser von E.T.A. Hoffmann erwies. Im ersten Stück „Ondine“ steht die unglücklich in einen Sterblichen verliebte Meeresjungfrau im Mittelpunkt, für die Ravel impressionistisch eingefärbte Klangwellen schuf. In „Le Gibet“ (Der Galgen) läuten die Totenglocken und färben wilde Akkord-Formationen das Gerippe des Gehängten feuerrot ein. Der Titelheld des letzten Satzes „Scarbo“ ist „ein grotesker Zwerg“, so der Dichter, „der um Mitternacht, wenn der Mond am goldenen Sternenhimmel wie ein Silbertaler glänzt, von der Zimmerdecke herunterpurzelt, herumwirbelt wie eine Hexenspindel.“ Ravel treibt all das mit pianistischer Brillanz derart auf die Spitze, dass man bei dieser Reise in schauerliche Märchenwelten schon beim Zuhören außer Atem gerät.

Wie weit Komponisten des 20. Jahrhunderts nicht nur stets nach vorne schauten, sondern sich gleichzeitig der Tradition vergewisserten, unterstreicht auch die Sonate es-moll op. 26 von Samuel Barber. Der Amerikaner hielt hier nicht nur am klassischen viersätzigen Sonatenmodell fest. In das Finale pflanzte er wie einst Beethoven in seiner „Hammerklaviersonate“ eine halsbrecherisch schwierige Fuge. Bis heute berühmt ist Barber natürlich für sein melancholisches „Adagio for Strings“. Dass er aber Klangwelten voller Fortissimo-Vehemenz, dämonischer Schärfen sowie impulsiver Jazz-Akkordik zu gestalten verstand, dokumentiert seine Klaviersonate. Geschrieben hat Barber dieses vielgesichtige Werk übrigens für keinen Geringeren als Vladimir Horowitz, der mit der Sonate am 23. Januar 1950 in der New Yorker Carnegie Hall triumphierte.

Über zwanzig Jahre zuvor war es in New York zu einem Treffen zweier Komponisten gekommen, ohne die man sich die Musik des 20. Jahrhunderts nicht mehr vorstellen kann. Am 7. März 1928 wurde für Ravel anlässlich seines 53. Geburtstages ein kleiner Umtrunk veranstaltet, zu dem auch George Gershwin geladen war. Und weil der Amerikaner den Franzosen schon immer bewundert hatte, mag er ihn bei dieser Gelegenheit gefragt haben, ob Ravel ihm nicht einige Unterrichtsstunden geben wolle. Ravel soll darauf mit dem inzwischen legendären Satz reagiert haben: „Warum wollen Sie ein zweitrangiger Ravel werden, wo Sie doch ein erstrangiger Gershwin sind?“ Immerhin hatte Gershwin bis dahin bereits viele Meisterstücke abgeliefert - wie die „Rhapsody in Blue“, die am 12. Februar 1924 in der New Yorker Aeolian Hall in Anwesenheit u.a. von Rachmaninov, Heifetz und Stokowski uraufgeführt und gefeiert worden war. In nur 18 Tagen hatte Gershwin diesen Welthit komponiert. Und wenngleich Ferde Grofés Orchestrierung des Stücks für Klavier und Orchester das Ihre zum Erfolg beitrug, springt der Funke auch in der Fassung für Klavier solo sofort über. Über den amerikanischen Geist dieser mit Elementen aus Jazz und Blues, stählernen Rhythmen und narkotischer Melodik gespickten „Rhapsody“ hat Gershwin einmal gesagt: „In ihr habe ich versucht, unsere Lebensart auszudrücken, das Tempo unseres modernen Lebens mit seiner Hast, seinem Chaos, seiner Vitalität.“

Guido Fischer