Tuesday | 23. May 2017 | 20:00 Uhr
Lied 1
Graham Johnson
Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2001
Robin Tritschler (Tenor)
Lydia Teuscher (Sopran)
Killmayer zum Geburtstag  

Das traditionelle Himmelfahrts-Liedwochenende des Klavier-Festivals Ruhr auf Schloss Herten gab's bei der diesjährigen 22. Auflage bereits vor dem Feiertag. Graham Johnson als Pianist und Programmgestalter würdigte dort am Dienstag den bevorstehenden...

 

Das traditionelle Himmelfahrts-Liedwochenende des Klavier-Festivals Ruhr auf Schloss Herten gab's bei der diesjährigen 22. Auflage bereits vor dem Feiertag. Graham Johnson als Pianist und Programmgestalter würdigte dort am Dienstag den bevorstehenden 90. Geburtstag des Komponisten Wilhelm Killmayer. Gestern huldigte er dem Amerika-Schwerpunkt des Festivals mit Songs von Foster bis Carter.
Als besonders aufschlussreich beim Killmayer-Abend erwies sich die Gegenüberstellung von sieben seiner Mörike-Lieder mit Vertonungen derselben Gedichte durch Hugo Wolf.
Obwohl im zeitlichen Abstand von 115 Jahren komponiert, unterschieden sich die Werke stilistisch gar nicht so sehr voneinander, besonders, wenn Robin Tritschler (Foto) die Killmayer- und Lydia Teuscher die Wolf-Lieder vortrug.
Denn der souverän auftretende irische Tenor formte, auswendig singend, stets große Bögen, während die angestrengter wirkende Freiburger Sopranistin mit Noten in Händen kleinteiligere, durchbrochenere Linien hören ließ.
Ihr weiches Vibrato und schöne Höhen machten Wolfs "verlassenes Mädchen" zum Ereignis. Er aber sang auch Killmayers "Jägerlied", das sich unverhohlen romantisch gibt.
Unter den Hölderlin-Liedern im zweiten Teil hinterließen die von Britten vertonten sechs Fragmente den stärksten Eindruck. Tritschler, seit seinem letzten Hertener Auftritt noch einmal stimmlich gewachsen, gestaltete sie lebendig, mit klarer Diktion und Ebenmaß der Stimme in allen Registern.
Neckisch besang er die "Jugend", ätherisch-schwebend bis gespenstisch kündete er von der "Hälfte des Lebens". Als Zugabe teilten sich beide Sänger Wolfs "Wiegenlied im Sommer", und das klang wahrlich zu schön, um dabei einzuschlafen.

Ruhrnachrichten, Klaus Stübler

 
Dieser Liedgesang wirkt aufwühlend  

Unter Sängern und anspruchsvollen Hörern gilt heute noch, in lauten Zeiten, die Kunst des Liedgesanges als besonders anspruchsvolle Disziplin. Intime Seelenschwingungen der Poesie musikalisch auszuleuchten, setzt die Fähigkeit und den Willen zu...

 

Unter Sängern und anspruchsvollen Hörern gilt heute noch, in lauten Zeiten, die Kunst des Liedgesanges als besonders anspruchsvolle Disziplin. Intime Seelenschwingungen der Poesie musikalisch auszuleuchten, setzt die Fähigkeit und den Willen zu hochkonzentrierter Gestaltung voraus.
Es zeichnet das Klavierfestival Ruhr aus, dass es sich dieser Nische im pittoresken Festsaal von Schloss Herten, flüchtigen Moden trotzend, beharrlich widmet. Mit dem Briten Graham Johnson hat es einen Interpreten mit Gespür für reizvolle Programme gewonnen. Sein 46. Programm vereinte verblüffend unterschiedliche Vertonungen des leichtfertig als Biedermeier-Dichter abgetanen Poeten Eduard Mörike und des weltenrückt an den Umständen seiner Zeit irre gewordenen Rebellen Friedrich Hölderlin.
Johnson belässt es an diesem Abend nicht nur bei diskreter Begleitung, für die er gerühmt wird. Vertonungen durch Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts wie Wilhelm Killmayer oder Benjamin Britten geben solche Zurückhaltung preis. Da erreicht der heftig erregte Flügel im Forte einen Erregungsgrad bis an akustische Grenzen des kleinen Saals.
Als raffiniert geschürzt, nämlich spiegelbildlich versetzt, erwies sich der erste Teil. Er konfrontierte dieselben Mörike-Gedichte – mal in der sprunghaften Vertonung durch den bald 90-jährigen Wilhelm Killmayer und im Gegensatz dazu in geschmeidigen, nach innen lauschenden Fassungen des Spätromantikers Hugo Wolf, der nicht nur durch sein „Italenisches Liederbuch“ als Meister der Liedkunst gilt. Der Vergleich lädt zu kontrastreichen Einblicken ein. Das Jägerlied erweist sich bei Killmayer als aufgekratzter Walzer. Bei Hugo Wolf bleibt es ein schlichtes fröhliches Lied. Dagegen nähert sich die Lesart in dem Lied „Der Gärtner“, das Killmayer als derbe Polka und Hugo Wolf als aufgekratzten Galopp vertont hat. Mitunter findet auch Killmayer zu anschmiegsamer Musik, als höre man Hugo Wolf.
Als Garanten für eine Interpretation auf der Höhe des Komponierten erwiesen sich Sopranistin Lydia Teuscher und der irische Tenor Robin Tritschler, hier schon ein Dauergast. Lydia Teuscher imponiert durch eine enorm facettenreiche Fülle an Einfärbungen und durch die Kunst, in einer einzigen Phrase verschiedensten Stimmungen Raum zu geben. Tritschler bringt immense Ausdruckskontraste mit derselben Noblesse auf den Punkt.
Einen starken Eindruck hinterließen Benjamin Brittens aufwühlende „Sechs Hölderlin-Fragmente“ mit Tritschler. Fesselnd wirken die trübe fallenden Terzen des anspruchsvollen Klavierparts zur „Hälfte des Lebens“. Killmayers leise tastender, beschwörender Hölderlin-Jahreszeiten-Zyklus wirkt bei Lydia Teuscher wie ein nachsinnendes Innehalten. Und Hanns Eislers im Exil entstandene Hölderlin-Vertonungen aus dem „Hollywooder Liederbuch“ verblüffen durch ihren leisen Tonfall. Die Zugabe fürs begeisterte Publikum, Hugo Wolfs „Liebeslied im Sommer“, wirkte wie ein Schlummerlied.

Recklinghäuser Zeitung, Bernd Aulich

 
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