Monday | 08. May 2017 | 20:00 Uhr
Beethovens Cellosonaten
Andrea Lucchesini
Mario Brunello (Violoncello)
Neue Töne zwischen Utopie und Geheimnis  

Das Klavierfestival Ruhr hat einen neuen Spielort. Erstmals gastiert das internationale Bestentreffen der Pianistenszene im Emil-Schumacher-Museum Hagen. Das Unternehmen C. D. Wälzholz ermöglicht das Konzert als Partner. Im Schatten von Marienkirche...

 

Das Klavierfestival Ruhr hat einen neuen Spielort. Erstmals gastiert das internationale Bestentreffen der Pianistenszene im Emil-Schumacher-Museum Hagen. Das Unternehmen C. D. Wälzholz ermöglicht das Konzert als Partner. Im Schatten von Marienkirche und historischem Osthaus-Museum korrespondiert die aufregende Baukunst in ihrem Dialog von Glas und Beton zur revolutionären Tonkunst Ludwig van Beethovens. Der italienische Pianist Andrea Lucchesini und der Cellist Mario Brunello haben ihr Programm den Cellosonaten des großen Meisters gewidmet. Mit Beifall im Stehen feiert das Publikum im seit Monaten ausverkauften Haus ein außergewöhnlich intensives Hörerlebnis.
Ludwig van Beethoven ist der Erfinder der Cellosonate. Bis dahin galt die Verbindung von tiefem Melodieinstrument und Klavier als zu riskant, zumal das Klavier gerade erst den Schritt weg vom Cembalo wagte und das Cello noch als eher missglückte Geige angesehen wurde. Mit Beethoven betritt die Gattung nun spektakulär die Bühne der Musikliteratur. Aber die Zeitgenossen taten sich einigermaßen schwer mit diesen Werken, weil sie so gar nicht gefällig sind und gleichsam einen neuen Ton anschlagen.
Diesem neuen Ton forschen Andrea Lucchesini und Mario Brunello in ihrer Interpretation nach. Die beiden Ausnahmemusiker wirken schon lange als Duo zusammen, sie mögen und verstehen sich hörbar. Die Variationen über das Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus Mozarts „Zauberflöte“ nutzen sie zum Warmspielen. Anschließend zerbricht Lucchesinis Brille. Nach vergeblichen Reparaturversuchen leiht Tone Junius, Ehefrau von CD Wälzholz-Vorstand Dr. Hans-Toni Junius, ihm ihre eigene Lesehilfe. Das klappt. Mit viel Gelächter ist das Eis zwischen den Künstlern und dem Publikum nun endgültig gebrochen.
Die Cellosonaten durchschreiten jeweils ein ganzes Universum von Ideen und Gefühlen. Andrea Lucchesini und Mario Brunello ergründen tief die wundersamen Ereigniswelten hinter den Noten. Im innigen Dialog können sie so in Op. 69 harmonische Spannung in Klangarchitektur überführen und im Scherzo mit Staccato-Figuren im Klavier und gezupften Saiten eine gespenstische Stimmung hervorlocken. Diese spröde Zerrissenheit, dieses Unerwartete, das hinter jedem Takt lauert, das ist eben jener neue Ton: die Romantik. Romantik hat zu Beethovens Zeiten noch nicht Süßes und Gefälliges, sondern will verstören und aufwühlen.
Da erhebt sich plötzlich im langsamen Satz von Op. 102/1 ein Lied aus den rhapsodischen Klüften. Wie auf Schmetterlingsflügeln schwebt es aus der Tiefe des Cello-Bassregisters hervor. Eine Utopie, hoffnungsvoll und doch vergänglich. Weitere Adagio-Geheimnisse enthüllen die beiden Musiker dann in Op. 102/2. Der langsame Satz beginnt wie eine Totenklage mit den pochenden, fast tonlosen Akkordschlägen des Klavierbasses. Und wieder singt sich das Cello frei zu einer fast visionären Kantilene, bis mit köstlicher Verzögerung die aberwitzige Doppelfuge des Finales erreicht wird.
Mario Brunello ist mit seinem Instrument, einem Maggini-Violoncello aus dem Jahr 1600, eins, er meistert es mit Leichtigkeit und Leidenschaft gleichermaßen, lässt den Bass grollen und klagen und den Diskant mit Engelstönen jubilieren. Andrea Lucchesini beherrscht jenen singenden Anschlag am Klavier, der den tiefsten Kern des Notentextes berührt. Und als Duo spielen die beiden wie mit einem Atem, gleichberechtigte Partner im Dienste höchster Hingabe.
Nach dieser Musik kann es nur eine Art von Zugabe geben: „Only Bach“ sagt Mario Brunello, und beide Musiker stimmen „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“ aus dem Orgelbüchlein an, so zart, so innig wie ein Gebet. Als zweite Zugabe („nach Bach kann man nur Beethoven spielen“) richtet sich dasGebet irdischeren Hoffnungen zu, der imaginären Liebsten in dem Lied „Mit einem gemalten Bande“.

Westfalenpost, Monika Willer

 
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