Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Dienstag | 18. Juli 2017 | 20:00 Uhr
Pictures and Songs
Benjamin Moser

Pictures and Songs

Nach seiner berühmten Rhapsody in Blue wandte sich George Gershwin der kleineren Form zu und veröffentlichte seine Three Preludes im Jahr 1927. Ursprünglich war nach dem Vorbild von Bach oder Chopin eine Gruppe von Präludien geplant, die durch alle Tonarten gehen sollten, darauf weisen Eintragungen in Gershwins Skizzenbuch hin. Am 4. Dezember 1926 brachte der Komponist persönlich im Hotel Roosevelt in New York „fünf neue Präludien“ für Klavier zur Uraufführung, zwei davon hatte er bereits 1925 in einem Arrangement für Violine und Klavier unter dem Titel Short Storys veröffentlicht. 1927 publizierte er dann die Three Preludes, die er seinem langjährigen Freund und Kollegen William Daly widmete. In der Folge schnell – langsam – schnell bilden sie ein schlüssiges Ganzes. Die beiden kurzen Allegro-Stücke wünschte sich Gershwin „sehr rhythmisch und entschlossen“ vorgetragen. Das erste der Präludien steht in B-Dur und beginnt mit einem Fünf-Noten-Bluesmotiv, auf dem das gesamte melodische Material des Stücks basiert. Synkopierte Rhythmen verorten es in den Bereich des Jazz. Mit seiner kecken Melodie wirkt das Stück wie ein fröhlicher Charleston. Virtuose Oktaven, Skalen und sich überkreuzende Hände lassen eher den Eindruck einer Fantasie als eines Präludiums im klassischen Sinne entstehen. „Andante con moto“ ist das zweite Präludium in cis-Moll überschrieben. „A sort of blues lullaby“ („eine Art Blues-Wiegenlied“) nannte Gershwin selbst das zauberhafte Stück mit seiner melancholischen Bluesmelodie und komplexen Harmonien. Das letzte Prelude in es-Moll ist ein Agitato, das der Komponist „spanisch“ nannte. Zwei Melodien verfolgen ein munteres Frage-und-Antwort-Spiel: Die Frage erscheint in Moll, die Antwort in Dur. Nach einem synkopierten Mittelteil wird das Spiel in Oktaven wieder aufgegriffen, und das Tongeschlecht Dur trägt den Sieg davon.

In seinem kurzen Leben komponierte George Gershwin mehr als 500 Lieder für Musicals und Filme. Viele davon wurden zu Evergreens und gingen schnell um die Welt. Der lyrische Song Somebody Loves Me von 1924 hatte durchschlagenden Erfolg, drang bis nach Paris und sorgte im Moulin Rouge für Aufsehen, Fascinating Rhythm stammt aus dem Musical Lady, Be Good! von 1924. Embracable You schrieb Gershwin im Jahr 1928, durch die Interpretation von Billie Holiday und Frank Sinatra wurde der Song unsterblich. Zahllose Arrangements verleihen Gershwins Songs immer wieder neue Impulse. Eine besonders originelle und anspruchsvolle Verarbeitung von Gershwin-Songs stammt aus der Feder des amerikanischen Pianisten und Komponisten Earl Wild (1915–2010). Wild war selbst ein fantastischer Virtuose am Klavier (er galt als Spezialist für Rachmaninow und Gershwin) – seine Virtuoso Etudes aus dem Jahr 1976 sind eine Verneigung vor Gershwin. Wild wählte dabei die Form der Etüde und griff die Chopin-Tradition auf, technische Herausforderungen und deren Bewältigung in musikalische Leckerbissen zu verpacken: So entstanden brillante Vortragsstücke, die keine Schwierigkeit auf dem Klavier auslassen und musikalischen Hochgenuss garantieren. Der langsame und gefühlvolle Song Embracable You erhielt eine Ausstaffierung mit Skalen und Arpeggien, ohne dabei seinen melodischen Zauber einzubüßen. Somebody Loves You wird bei Wild zu einem farbenreichen, traumverlorenen Hörvergnügen. Wilds atemberaubende Version von Fascinating Rhythm ist gespickt mit Skalen in Terzen, Synkopierungen und Staccato-Orgien.

Das ehrgeizige Unterfangen, 24 Préludes in allen Tonarten zu komponieren, den Quintenzirkel hinauf und hinunter, und dabei an die Tradition von Bach und Chopin anzuknüpfen, gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts für viele Komponisten zur Kür. Debussy und Skrjabin schufen ihre eigenen, charakteristischen Zyklen,  und Gershwin hat mit der „magischen“ Anzahl von 24 Préludes zumindest geliebäugelt. Sergej Rachmaninow schrieb seine 24 Préludes in einem Zeitraum von 18 Jahren: Das frühe Prélude in cis-Moll op. 3 Nr. 2 entstand im Jahr 1892, die zehn Préludes op. 23 1902/03 und die 13 Préludes op. 32 1910. „Das Prélude, wie ich es verstehe, ist eine Form absoluter Musik, mit der Zielrichtung, wie sein Name ausdrückt, vor einem wichtigeren Musikstück gespielt zu werden, oder als Einführung zu irgendeiner Veranstaltung“, schrieb Rachmaninow selbst. Mit dem frühen cis-Moll-Prélude, das Rachmaninow als 19-Jähriger komponierte, wurde der junge Komponist berühmt. Damals hat er sicher noch nicht an ein Kompendium mit der stolzen Anzahl 24 gedacht. Es ist nicht überliefert, wann er sich genau dazu entschied, den Zyklus von 24 Stücken zu vervollständigen. Alle 24 Préludes aus Rachmaninows Feder sind satztechnisch enorm kompliziert und musikalisch anspruchsvoll. Ihre Stimmung ist verblüffend kontrastreich, mal lyrisch, mal tragisch, und reicht von der Idylle bis zur Resignation, von Trauer bis zu ekstatischem Jubel. Die Inspiration zum Prélude in h-Moll op. 32,10 stammte laut Rachmaninow von Arnold Böcklins düsterem Gemälde „Die Rückkehr“ (auch die Komposition „Toteninsel“ war von dem Gemälde gleichen Namens dieses Malers inspiriert). Zunächst wird eine sanfte Klage angestimmt, die sich zu großer Tragik entwickelt, eindrucksvoll sind die Fortissimo-Akkorde des Mittelteils. Das Prélude in gis-Moll op. 32,12 ist ein russisches Spinnlied. Mit seiner wiegenden Melodie und seinem ekstatischen Aufblühen wirkt das Prélude in G-Dur op. 32,5 tröstend und optimistisch. Wie ein wilder Marsch hebt das Prélude in g-Moll op. 23,5 an und hat einen wehmütigen Mittelteil. Wenige Jahre vor seinem Tod äußerte Rachmaninow: „Junge Komponisten sind oft geneigt, auf die kleineren musikalischen Formen herabzublicken.“ Doch „ein kleines Stück kann ein genauso beständiges Meisterwerk sein wie eine große Komposition.“

Earl Wild hat Sergej Rachmaninow noch persönlich kennengelernt und galt als ein begnadeter Interpret seiner Werke. In den 1960er-Jahren nahm er alle fünf Rachmaninow-Konzerte innerhalb einer einzigen Woche auf – und wählte außerordentlich schnelle Tempi. Da Wild zuweilen auch als Liedbegleiter agierte, kannte er Rachmaninows Lieder, die hohe Anforderungen an den Pianisten stellen. Magisch-beschwörend ist das Lied Der Traum op. 38,5 aus dem Jahr 1916. Zu den Kleinodien unter Rachmaninows Liedern gehört das zarte Lied Hier ist es schön op. 21,7, das um die Jahrhundertwende entstand. Frühlingswasser op. 14,11 ist ein besonders virtuoses Lied von Rachmaninow und besingt jubelnd die Vision des Frühlings. Earl Wilds Transkriptionen für Klavier sind von großer Eleganz, kunstvoll und subtil mischt er die Harmonien und moduliert, dass es eine Freude ist. In dem Fall überrascht nicht nur, wie virtuos das alles ist, sondern wie wunderbar der Ausdruck der Lieder erhalten blieb.

Modest Mussorgskys Zyklus Bilder einer Ausstellung verbinden viele mit dem Namen Maurice Ravels, der 1922 seine berühmt gewordene Instrumentierung des Werks für Orchester anfertigte, die heute in den Konzertsälen häufiger zu hören ist als Mussorgskys Originalfassung für Klavier. Der Zyklus entstand im Gedenken an Mussorgskys 1873 verstorbenen Freund, den Architekten Viktor Alexandrowitsch Hartmann. 1874 wurde eine Gedenkausstellung für Hartmann organisiert mit rund 400 Arbeiten von ihm, Zeichnungen, Aquarellen und Reiseskizzen. Diese Bilder inspirierten Mussorgsky zu seinem heute bekanntesten Werk: Bilder einer Ausstellung. „Töne und Gedanken schwirren nur so in der Luft; ich verschlinge sie mit Heißhunger und habe kaum Zeit, alles aufs Papier zu kritzeln“, schilderte Mussorgsky den Schaffensprozess im Juni 1874. Wenig später war der Zyklus von zehn Bildern und fünf Promenade-Zwischenspielen fertig. Die Bilder einer Ausstellung beziehen sich also auf eine tatsächliche Bilderausstellung und bilden eine faszinierende Verbindung von Musik und Kunst. Leider ist der Bestand jener Ausstellung im Jahr 1874 nicht mehr genau rekonstruierbar und nicht alle Exponate sind nachweisbar.

Die „Promenade“ gliedert das Werk, sie bildet den Anfang und kehrt viermal leicht verändert wieder – quasi als Schreiten des Betrachters durch die imaginäre Ausstellung. Das erste Bild „Gnomus“ bezieht sich wahrscheinlich auf Hartmanns skizzenhafte Zeichnung eines Fabelwesens mit Spitzohren und Knollennase. Mussorgsky schuf dazu ein musikalisches Psychogramm: der Gnom erweist sich als cholerisch und hinterhältig; Mussorgsky charakterisiert ihn mit Chromatik und Tritoni, jenem dissonanten Intervall, das drei Ganztöne umfasst und lange Zeit als „Teufelsintervall“ galt. „Il vecchio Castello“ (Das alte Schloss) portätiert Mussorgsky musikalisch durch die melancholische Ballade eines Troubadours. „Tuileries - Dispute d’enfants après jeux“ spiegelt Mussorgskys besonderes Verhältnis zu Kindern und ihrer Vorstellungswelt. Davon zeugt auch der wenige Jahre vor den Bildern einer Ausstellung entstandene Liederzyklus Die Kinderstube. Der polnische Titel des vierten Bildes lautet „Bydło“ und bezeichnet einen Ochsenkarren. Im „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“ interpretiert Mussorgky Hartmanns Zeichnung einer Ballettszene mit Staccati, Vorschlägen und Trillerketten. Bei „Samuel Goldenberg und Schmuyle“ hat Mussorgsky wahrscheinlich zwei verschiedene Judenbildnisse Hartmanns in einen musikalischen Dialog gesetzt. Das siebte Bild zeugt von einem längeren Aufenthalt Hartmanns im südfranzösischen Limoges, wo er den Markt zeichnete mit einer Volksmenge, die schreit, streitet, plappert und zankt. „Katakomben“ ist das innere Zentrum der Bilder einer Ausstellung und bezieht sich auf ein Bild Hartmanns, auf dem dieser sich selbst mit einer Laterne in den Pariser Katakomben darstellte. Mussorgsky schrieb dazu „Cum mortuis in lingua mortua“ (Mit den Toten in der Sprache der Toten) – der Komponist selbst begleitete hier quasi den Freund ins Totenreich der Katakomben. Anschließend erscheint das Promenaden-Thema in Moll. Für die „Baba-Jaga“ stand eine groteske Bronzeuhr (als Entwurf für eine kunstgewerbliche Arbeit) Pate. Mussorgsky machte daraus einen Hexenritt der Hexe Baba-Jaga aus dem russischen Märchen. In der slawischen Mythologie ist die Baba-Jaga ein vieldeutiges Wesen und steht nicht nur für das Böse, sondern wirkt auch als Mittlerin zwischen Leben und Tod. Hartmanns Skizze für einen Triumphbogen, der in Kiew errichtet werden sollte, wird in Mussorgskys Musik zum „Großen Tor von Kiew“ – grandioser Schluss des Zyklus und nationales Bekenntnis.

Dorle Ellmers

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