Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Tuesday | 23. May 2017 | 20:00 Uhr
Lied 1
Graham Johnson
Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2001
Robin Tritschler (Tenor)
Lydia Teuscher (Sopran)
Werkeinführung zum Liederabend

Wilhelm Killmayer wurde am 21. August 1927 in München geboren und feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag – ein schöner Anlass, um ihn als Liedkomponisten zu würdigen. Killmayer studierte Dirigieren und Komposition in München, zu seinen wichtigsten Lehrern zählte Carl Orff. Killmayer selbst wirkte rund zwanzig Jahre lang als Professor für Komposition in München. Als junger Komponist in den Nachkriegsjahren orientierte er sich an der Musiktradition des 19. Jahrhunderts, lehnte den Ansatz der seriellen Musik vehement ab und fand einen sehr individuellen, undogmatischen und unabhängigen Zugang zur Neuen Musik. Killmayers Musik definiert sich von der Stille her, setzt nicht auf äußere Effekte, sondern öffnet einen inneren Raum. Seine Musik ist nicht rückwärts, sondern nach innen gewandt. Der Dreiklang blieb für den die Atonalität nur streifenden Tonschöpfer ein wichtiges Gestaltungsmittel; aus seinem funktionsharmonischen Zusammenhang herausgelöst, erhielt er bei Killmayer eine neue Bedeutung. Expressivität entsteht bei ihm aus der Verdichtung, aus dem Mut zur Transparenz. Wo es sich anbietet, setzt er gern parodistische Elemente ein und lässt seinen subtilen Humor durchschimmern, so zum Beispiel bei seinen Heine-Liedern, in denen er einen feinen Sinn für Heines Ironie entwickelte. Wilhelm Killmayers umfangreiches Œuvre umfasst alle wichtigen Gattungen, insbesondere Orchesterwerke und Kammermusik. Er erhielt für sein Wirken zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. 1982 den Musikpreis der Stadt Braunschweig, 1983 das Bundesverdienstkreuz, 1993 den Bayerischen Maximiliansorden und 2003 den Musikpreis der Landeshauptstadt München. Einen besonders hohen Stellenwert hat für Wilhelm Killmayer die Beschäftigung mit dem Kunstlied, denn der natürlichste Träger der Melodie ist für ihn die menschliche Stimme. In den 1980er-Jahren komponierte er drei Zyklen von Hölderlin-Liedern, die 1990er wurden die produktivsten Jahre im Dienste des Kunstliedes mit Heine-Vertonungen, Eichendorff-Liedern, verschiedenen Vertonungen französischer Dichter, Vertonungen von Gedichten Peter Härtlings und einem Trakl-Zyklus. Nach der Jahrtausendwende setzte sich Killmayer intensiv mit dem Werk des schwäbischen Dichters Eduard Mörike auseinander, zu dem er eine besondere Affinität verspürt. Lange galt Mörike als typischer Vertreter des Biedermeier, doch Killmayer erkannte das Abgründige in seiner Lyrik und konnte den Aspekt der Weltflucht auf seine Weise nachempfinden. In seinen Mörike-Liedern aus den Jahren 2003/04 haucht er der Dichtung neues Leben ein. Killmayer erschließt dem Kunstlied neue Bereiche, schöpft dabei aus einem riesigen Repertoire an Ausdrucksnuancen und muss den Vergleich mit großen Vorgängern wie Hugo Wolf nicht scheuen.

Der österreichische Komponist Hugo Wolf, der sich, von wenigen Kleinodien der Kammermusik abgesehen, fast ausschließlich auf das Liedschaffen konzentrierte, war von Mörikes Gedichten so angetan, dass er „sich einfach keine Stunde davon trennen könne“, wie er einer Bekannten gestand. Oft sprach er davon, dass er durch die intensive Beschäftigung mit der Lyrik Mörikes nach jahrelangem Suchen sich und seine Eigenart gefunden habe. Wolfs Mörikelieder entstanden im Jahr 1888 – der Komponist war zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt. Zwischen dem 16. Februar und dem 18. Mai komponierte er 43 Lieder. Es gab Phasen, in denen er fast täglich eines oder sogar mehrere Lieder schrieb, unterbrochen von Tagen und Wochen, in denen er nicht arbeiten konnte und von Selbstzweifeln gequält wurde. Ein faszinierendes Erlebnis muss es gewesen sein, wenn Hugo Wolf seine Lieder im Kreise seiner Freunde selbst sang und spielte. Gustav Schur berichtete darüber in seinen „Erinnerungen an Hugo Wolf“: „Wer auch nur ein einziges Mal seinen Produktionen beiwohnen durfte, kann sie nicht mehr vergessen. Obgleich Autodidakt (…), hatte er sich zu einem vortrefflichen Klavierspieler herangebildet. Eine eigentliche Singstimme besaß er nicht. Sein Organ, in der Rede etwas trüb, doch angenehm, erwies sich, wenn er zum Singen gezwungen war, zwar willig, jedoch vollständig klanglos, rau und unschön (…) Die unmittelbare Wirkung der persönlichen Darbietung war aber unbeschreiblich.“

Viele der Mörike-Gedichte thematisieren das Missglücken der Liebe, handeln von Untreue und Verzweiflung. Doch Er ist’s wird zum Ausdruck überschwänglicher Freude, die sich bei Killmayer und Wolf jeweils auf unterschiedliche Weise Bahn bricht. Das Versmaß von Mörikes Jägerlied gibt ein Fünfermetrum vor. Hugo Wolf machte daraus ein Lied im Fünfvierteltakt – bei Wilhelm Killmayer gerät es zum Walzer. Musikalisch komplexer und psychologisch subtil sind bei Killmayer und bei Wolf die beiden Lieder Ein Stündlein wohl vor Tag und Das verlassene Mädchen, die von seelischer Vereinsamung und Enttäuschung künden. Idyllisch wirkt dagegen Der Gärtner – bei Killmayer eine Polka, bei Wolf ein fröhlicher Galopp. Bei der Fußreise greift Killmayer den Volkston auf, bei Wolf lässt sich der muntere Wanderschritt nachempfinden.

Die Lyrik Friedrich Hölderlins wurde von den Lied-Komponisten des 19. Jahrhunderts weitgehend ignoriert. Das oft unorthodoxe Metrum der Gedichte, das Fragmentarische, die Sehnsucht nach einer besseren Welt angesichts einer chaotischen Gegenwart ließen Hölderlin erst im 20. Jahrhundert zu einer Künstler-Ikone werden. Seine zweite Lebenshälfte verbrachte der als unheilbar geisteskrank geltende Dichter zurückgezogen in einer Turmstube oberhalb des Neckars in Tübingen in dem nach ihm benannten „Hölderlin-Turm“. Hier entstanden seine Gedichte als Zeugnisse eines Menschen, der der Welt entrückt ist. Einer der Komponisten, die sich durch Hölderlins Lyrik angesprochen fühlten, war Hanns Eisler, überzeugter Kommunist und einer der wichtigsten kulturellen Repräsentanten der Deutschen Demokratischen Republik, wenngleich er persönlich enttäuscht war von den realen Bedingungen künstlerischer Freiheit im DDR-Staat. Eislers Hölderlin-Fragmente, zu denen auch die Vertonungen Die Heimat und An die Hoffnung gehören, entstanden noch während des Zweiten Weltkriegs, als Teil des „Hollywooder Liederbuchs“, einer Sammlung von Kunstliedern, die Eisler zwischen Mai 1942 und Dezember 1943 im Exil in der Nähe von Hollywood komponierte. Alle hier vertonten Texte lassen sich auf die Lebensbedingungen im Exil beziehen. Der Großteil stammt von Bertolt Brecht, unter anderem sind aber auch Mörike, Goethe und Eichendorff vertreten – und Hölderlin. Eisler schreckte nicht davor zurück, die Textvorlagen eigenmächtig zu verändern und in den Wortlaut einzugreifen. Im Gespräch mit dem Regisseur und Autor Hans Bunge äußerte er sich 1961 dazu folgendermaßen: „Sie wissen, dass es meine Übung ist (…), Verse von großen Dichtern mir herzurichten. Besonders bei Hölderlin, der überschreibt – übrigens, das war der Vorwurf von Schiller: die Überfülle Hölderlins –, suche ich mir das raus, was ich heute lesen kann. (…) Zum Beispiel Brecht fand die ‚Entgipsung‘ Hölderlins und das aus Heute Nachgelesene für nützlich.“

Für Benjamin Britten bedeutete das Liedschaffen einen zentralen Aspekt seiner Tätigkeit als Komponist. Er selbst war ein hervorragender Pianist und bildete mit seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears, ein berühmtes Liedduo. Den Liedzyklus seiner Sechs Hölderlin-Fragmente op. 61 widmete Britten seinem Freund und Förderer Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein, der im Entstehungsjahr des Liedzyklus’ 1958 seinen fünfzigsten Geburtstag feierte – zu dieser Gelegenheit führten Pears und Britten den Zyklus im Schloss Wolfsgarten in der Nähe von Darmstadt auf.

Britten suchte die Texte mit Bedacht aus, wählte bewusst einige der kürzesten Gedichte Hölderlins und wäre nicht auf die Idee gekommen, sie zu verändern oder zu kürzen. Menschenbeifall kann man als Hommage an den Widmungsträger des Zyklus’ verstehen. Die Heimat wirkt in Brittens Vertonung sehr romantisch und lyrisch. Sokrates und Alcibiades ist wie erfüllt von hellem, klarem Sonnenlicht – und vom Geist der griechischen Dichtung. Die Jugend beschreibt mit wild galoppierenden Achteln zunächst ein harmloses Spiel, das hohe G am Ende kündet dann vom Eintritt des Jünglings in das Mannesalter. Hälfte des Lebens widmet sich der Lebensphase des mittleren Alters und ihrer Melancholie mit einer absteigenden chromatischen Gesangslinie auf schweren Triolen des Klaviers. Das Lied Die Linien des Lebens bildet den recht spröden und gerade in seiner Herbheit eindrucksvollen Abschluss des Zyklus’.

Wilhelm Killmayer ordnete die Gedichte aus Hölderlins Spätzeit, die er für seinen zwischen 1982 und 1985 entstandenen ersten großen Hölderlin-Zyklus aussuchte, nach Jahreszeiten. Die Vertonung bleibt – ähnlich wie die Sprache Hölderlins – bei aller Bildhaftigkeit relativ abstrakt. Wilhelm Killmayer selbst schrieb über seine Hölderlin-Vertonungen: „Meine Kompositionen stützen sich im ersten Zyklus vor allem auf die Jahreszeiten-Gedichte (…). Der entrückte, reine Ton dieser Sprache kommt – ferne grüßend – wie aus einer anderen Welt: Es ist die unsere, wiedergenesen. Dieser Ton und seine utopische Verheißung haben auch meine musikalische Fassung bestimmt. Nicht komplex, sondern durchlässig wie Luft ist auch für mich eine Musik der Zukunft.“

Dorle Ellmers

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