Das Programm Archiv Konzert-Archiv 2017 Ausgewähltes Konzert
Tuesday | 16. May 2017 | 20:00 Uhr
China Gates
Sa Chen (Klavier)
Werkeinführung

Der 1947 geborene amerikanische Komponist John Adams gilt als einer der wichtigsten Vertreter des musikalischen Minimalismus und konzipiert seine Werke mithilfe von sich wiederholenden harmonischen oder rhythmischen Mustern. Es geht ihm nicht um die Gegenüberstellung von konträren Themen, sondern um kontinuierliche Veränderung. „Die formale Idee meiner Musik ist folgende: Etwas erscheint am Horizont der Ereignisse, gewinnt an Bedeutung, fängt an, die Szene zu dominieren und verschwindet dann wieder.“ Mit den 1977/78 komponierten Klavierstücken Phrygian Gates und China Gates fand der damals 30-jährige Komponist zu seinem eigenen Stil und errang erste Aufmerksamkeit. Die Miniatur China Gates schrieb er für die 17-jährige Pianistin Sarah Cahill während einer Regenperiode in Nordkalifornien. Nach eigenen Aussagen sollen die durchgängigen Achtelnoten den steten Regenfall symbolisieren. Sie erzeugen eine fast meditative Stimmung und wecken Assoziationen an eine Welt, die im Grau des Regens versinkt. Das dreiteilig angelegte Stück ist durch den ständigen Wechsel zwischen den vier Kirchentonarten mixolydisch, aeolisch, lydisch und lokrisch charakterisiert.

Während Ludwig van Beethoven seine Klaviersonaten ganz mit dem Verstand schuf und stets danach strebte, jede einzelne Note richtig zu platzieren, zeigt er sich in seiner einzigen Fantasie in H-Dur op. 77 von einer ganz anderen Seite. Sein Zeitgenosse Ignaz Moscheles merkte dazu an: „Mir scheint, als habe er sich darin selbst wiedergeben wollen, wie er sich unvorbereitet, vielleicht gar übler Laune ans Instrument setzt und im Reich seiner Gedanken planlos herumfährt. Ich selbst habe ihn zuweilen auf solche Weise spielen hören.“ Das Werk wurde im Oktober 1809 vollendet und ein Jahr später mit einer Widmung an den Grafen Franz von Brunsvik publiziert. Es steht deutlich in der Nachfolge von Bachs Chromatischer Fantasie sowie Mozarts Fantasie c-Moll und ist ein niedergeschriebener Beweis für Beethovens ungeheure Improvisationskunst. Scheinbar planlos tauchen Gedanken in verschiedenen Tonarten auf, um schon bald darauf wieder verworfen zu werden. Immer wieder werden die zarten Ansätze von Melodiebildungen durch stürmische Läufe im Keim erstickt. Über 156 Takte hinweg wird durch dieses Experimentieren ohne thematisches oder tonales Zentrum ein gewaltiger Spannungsbogen aufgebaut, bis sich eine schlichte Melodie in H-Dur durchsetzen kann und den zweiten Teil mit einer Variationenfolge einläutet.

Die berühmte Mondscheinsonate op. 27 Nr. 2 erhielt ihren Namen nicht von Beethoven, sondern von dem Kritiker Ludwig Rellstab, der sich beim Hören des Werks an eine nächtliche Bootsfahrt auf dem Vierwaldstätter See erinnert fühlte. Sie entstand 1801 und ist der jungen Gräfin Giulietta Guicciardi gewidmet, in die der Komponist zur Entstehungszeit unglücklich verliebt war. Er selbst bezeichnete das Stück als „Sonata quasi una fantasia“ und verwendete die außergewöhnliche Grundtonart cis-Moll, die Schmerz und Trauer symbolisiert. Neuartig ist die formale Anlage mit einem einleitenden Adagio, einem sich direkt anschließenden Scherzo und einem Finale in Sonatenhauptsatzform. Auch die kontinuierliche Steigerung des Tempos bis hin zum Presto stellt einen deutlichen Bruch mit der Konvention dar und markiert einen wichtigen Schritt in Richtung kompositorischer Freiheit. Der erste Satz konzentriert sich ganz auf den Klang und ist durch gleichmäßig pulsierende Achteltriolen in der Mittelstimme und eine darauf aufbauende, wehmütige Melodie gekennzeichnet. Auf Kontraste wird zugunsten einer einheitlichen Stimmung bewusst verzichtet. Das Scherzo in Des-Dur sorgt für eine vorübergehende Aufhellung der Stimmung und dient als Ruhepol zwischen zwei sehr gefühlsbetonten Sätzen. Es hat einen ländlichen Charakter und lebt von rhythmischen Verschiebungen und spannungserzeugenden Synkopen. Das furiose, erregte Finale ist als Sonatenhauptsatz konzipiert und bildet den emotionalen und kompositorischen Höhepunkt der Sonate. Wut, Verzweiflung und Auflehnung brechen in einem wilden Rasen hervor und beherrschen das musikalische Geschehen so stark, dass weder für lichte Momente noch für kantable Abschnitte Zeit bleibt.

Die 1937 entstandenen Tres Danzas Argentinas op. 2 von Alberto Ginastera zählen zu den populärsten argentinischen Werken im Klavierrepertoire. Der Komponist war zur Entstehungszeit erst 20 Jahre alt und befand sich noch in seiner frühen, national geprägten Schaffensphase. Angelehnt an den Stil Béla Bartóks verband er damals die traditionellen (Tanz-)Rhythmen der argentinischen Folklore mit der Harmonik moderner klassischer Musik. So greift Ginastera in dem stürmischen Tanz des alten Ochsenhirten auf den Malambo, einen urtümlichen Solotanz der Cowboys, zurück. C-Dur und Des-Dur erklingen gleichzeitig, da die rechte Hand die weißen und die linke Hand die schwarzen Tasten bedient. Es folgt der dreiteilig angelegte Tanz des anmutigen Mädchens, der sich melancholisch im 6/8-Takt wiegt und nur im Mittelteil an Intensität und stürmischer Kraft gewinnt. Die auffällige Konzentration auf die beiden Intervalle Quarte und Quinte symbolisiert die unendliche Weite der argentinischen Pampa. Der abschließende Tanz des gerissenen Cowboys soll furios, gewaltvoll, bissig und wild vorgetragen werden. Das thematische Material wechselt zwischen chromatischen Passagen mit harten Dissonanzen und tonalen, melodischen Abschnitten.

Auch wenn Franz Liszt im Gegensatz zu Beethoven nur eine einzige Klaviersonate schrieb, lag ihm die schöpferische Auseinandersetzung mit dieser großartigen Gattung sehr am Herzen. Lange hatte er die Komposition seiner Sonate in h-Moll hinausgezögert, weil er eine individuelle Fortführung der Tradition anstrebte. Schließlich entschied er sich für ein einsätziges Werk, das am 2. Februar 1853 vollendet wurde. 1857 brachte Liszts Meisterschüler und späterer Schwiegersohn Hans von Bülow die Sonate zur Uraufführung. Mit ihrer neuartigen orchestralen Behandlung des Klaviers und ihren sensationellen thematischen Verknüpfungen wurde sie bald zum Kultstück. Das Werk stützt sich auf fünf tragende Themen, und zwar auf eine absteigende Tonfolge in Anlehnung an die Zigeunertonleiter, ein energisches Kleinterzenthema, eine markante Repetitionsfigur, ein Apotheosenthema und eine gesangliche Andantemelodie. Charakteristisch ist außerdem der starke emotionale Gehalt der Sonate, der von zerstörerischer Aggressivität bis zu sehnsuchtsvollem Hoffen reicht. Die stete Transformation der musikalischen Themen legt Assoziationen an Mephistos Verwandlungskünste nahe. Oft sind dem Werk aber auch autobiographische Züge zugeschrieben worden: Liszt soll seinem innersten Ringen um den richtigen Weg und seiner Suche nach Gott Ausdruck verliehen haben. Die friedliche Coda in leuchtendem H-Dur, die das ursprünglich vorgesehene, feurige Finale ablöste, wäre dann ein Zeichen für seine schließlich gefundene Ruhe in Gott.

Susanne Andrea Opielka

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